Nur fast

Fast im Ziel … aber nur fast, dann: das Unglück. Kürzlich erzählte mir jemand von seinem Sturz von der Leiter beim Abschneiden des allerletzten Zweigleins, und ich entsinne mich einer Geschichte von einem Skiunfall auf der allerletzten Abfahrt … und auch mein Neffe ist verunglückt, 50 Meter vor der Firma, mit dem Rad.

Das war Anfang Mai und gehört so halb hierher. Kurz vor dem Ziel … Man ist nicht mehr so konzentriert, wenn man es fast geschafft hat, in Gedanken ist man schon »in der Kabine« wie die Mannschaft, die dann in letzter Minute den entscheidenden Treffer kassiert. Natürlich ist man gegen Ende auch körperlich angestrengt, man versucht es mühevoll zu Ende zu bringen und scheitert dann blöd. Was nach Tragik oder Schicksal riecht, hat mit unserem Geisteszustand zu tun.

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Das Ding ist noch nicht durch, wenn es fast durch ist; durch ist es, wenn es ganz durch ist. Man möchte es hinter sich haben, gedanklich hat man es schon und ist schon auf der anderen Seite, und da hat man Energie abgezogen, die man für die koordinierte Bewegung des Körpers noch bräuchte, und alles geht schief. Das Wichtige findet im Geist statt, und er kann uns total ablenken und uns in die Irre führen. Achtet den Geist und pflegt ihn!

Einmal habe ich ein Buch übersetzt, in dem Autoverkäufer vorkamen und einer sagte, man sage dem Kunden bei der Probefahrt: »Stellen Sie sich mal vor, der Wagen können Ihnen gehören.« Und nach dieser Aussage, heißt es, passieren die meisten Unfälle. Der Fahrer beginnt zu träumen, ein Großteil seiner Energie ist in einer anderen Welt, in der dieses wunderbare Fahrzeug sein eigen ist, und er ist nicht mehr völlig aufs Hier und Jetzt konzentriert.

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Wenn du es eilig hast, mach langsam, sagt man. Spät ist man dran, und man stellt sich schon vor, wie die anderen nervös Ausschau halten oder man schaut auf die Uhr, aber all das steigert nur die Nervosität und gefährdet uns extrem. Eine andere Erkenntnis, damit verwandt: Man ist nie in größerer Gefahr, überfahren zu werden, als wenn man gerade knapp das Überfahrenwerden vermieden hat. Man freut sich, man frohlockt und vergisst die übliche Vorsicht.

Wenn du auf die Uhr schaust, bist du auch nicht schneller, als wenn du darauf verzichtest. Du fährst so schnell du kannst, du kommst dann eben an, wenn du ankommst, und heil ankommen ist wichtiger als der Verdruss von ein paar Leuten, der morgen schon wieder vergessen ist. Also nicht nach vorne schauen, keine Panik, äußerste Achtsamkeit auch in der letzten Minute, in der letzten Sekunde des Spiels, und nachlassen kann man nach dem Schlusspfiff. Erst dann. – Gute Genesung, Steffen!

 

 

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