Schön war der Radsport

Ich will meiner Passion für den Radsport nicht untreu werden und hier an etwas erinnern: Dass die Entscheidung des Weltradsportverbands vom 22. Oktober, Lance Armstrong alle seine sieben Tour-de-France-Siege abzuerkennen und ihn lebenslang zu sperren, ein historisches Faktum ist. Der letzte Held ist vom Podest gestoßen worden. Und keiner ist übrig; nur ein Trümmerhaufen. Wie schön war doch der Radsport!

Dass seit Jahren nur noch über Doping geredet wird und man vergisst, dass der Radsport ein packender, fesselnder Sport war, mag man beklagen. Aber es ist nur gerecht; die Szene hat sich das selber zuzuschreiben. Sie haben alle immer nur gemauert, und nur unter dem Druck der Beweise sind die Sportler nach und nach zusammengeklappt und haben oft unter Tränen ihren Dopinggebrauch gestanden.

Gerade las ich eine frappante Stelle in dem Buch Bikie des Engländers Charlie Woods, in der Auflage von 2004. Er hat dem Mythos Armstrong schon damals, 2003, misstraut, als der Texaner auf dem Höhepunkt seiner Karriere war.

Er schrieb: »Der derzeitige Radsport beschäftigt sich immer mehr mit den Themen Krankheit und Gesundheit. Unser zeitgenössischer Lazarus, Lance Armstrong, lag im Grab und unterzog sich vernichtender Chemotherapien, bevor er eine göttliche Intervention zurückwies, um sich selbst durch übermenschliche Willenskraft zu erheben. Nicht nur das, er übertraf die schlichte Auferstehung bei weitem, indem er vier Tour-de-France-Ausgaben hintereinander für sich entschied. Als Fabel aus dem Leben schlägt dies das Evangelium des Johannes um tausende Kilometer.«

Und weiter: »Es hat auch den schönen Nebeneffekt, dass es die Aufmerksamkeit von der drogenfixierten Hysterie des Pelotons abzieht. Wir klammern uns an unserer neugeborenen Lazarus so sehr, wie sich Pilger in Lourdes an ihre Flasche mit geweihtem Wasser klammern. Der Radsport hat sich sein eigenes Grab geschaufelt, das so breit und tief ist, dass nur ein Wunder verhindern kann, dass er hineinstolpert, und Lance ist jenes Wunder. Aber wie lange wird das vorhalten?«

Rad-Enthusiasten diesen Sommer in Zürich-Oerlikon

Es ging noch acht Jahre gut. Man kann es den Fahrern und Funktionären nicht verdenken, wenn sie weiterplanen und weiterfahren. Aber alle Beteiligten sind unter Verdacht, und obendrein gibt es keine echten Persönlichkeiten mehr, Ergebnis auch dessen, dass man immer mehr Gewicht auf ein roboterhaftes Erfüllen der Ziele legte. Nächstes Jahr soll die 100. Tour de France stattfinden. Vielleicht sollte man es damit gut sein lassen und die Bücher zuschlagen. Zehn Jahre Pause könnten dem Radsport guttun. Vielleicht steht er dann wieder auf: wie Lazarus, als sein eigener Held.           

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