Falsche Bewegung? Bewusstsein und Materie

Im vergangenen Jahr hatte ich in 5 Teilen einen Aufsatz angeboten, der für ein Buch geschrieben war. Ich hatte den Abschnitten jedoch eigene Titel gegeben, und so  konnte niemand verstehen, dass es eine Serie war. Das mache ich nun besser: Der folgende Aufsatz über Psychokinese, ebenfalls in 5 Teilen, heißt durchgängig Falsche Bewegung? und bekommt römische fortlaufende Ziffern. Dann ist alles klar.

Kleine Vorrede: Für das geplante Buch hatte sich mir Ende 2009 die Aufgabe gestellt, die parapsychologische Forschung in vier Teilen zu erläutern. Ich schrieb also vier Aufsätze und wählte die Gliederung Spontanphänomene, Psychokinese, Experimente in Labor und Feld sowie Jenseitsforschung 

Die Spontanphänomene habe ich von August bis Dezember vorgestellt. Der Essay bestand aus den Beiträgen Die Lady am Lift, Die Phänomene, Geistererscheinungen, Kleine Psi-Geschichte und Telepathie, Hellsehen, Präkognition. Nun also der Beginn des fünfteilige Essays über Psychokinese. Gute Unterhaltung!    

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Gaither Pratt musste diese Frau finden! Die Russin Nina Kulagina hatte in einem Film, den der amerikanische Parapsychologe bei einer Konferenz 1968 in Moskau sah, eine Kompassnadel einfach so rotieren lassen. Das wollte er selber sehen. Und am 3. Oktober 1970 kam Nina zu ihm und zu Champe Ransom ins Hotelzimmer. Die Frau war Mitte vierzig und hatte nette Grübchen, wenn sie lächelte.  

Um Ninas Konzentration nicht zu stören, gingen die Männer hinaus, und Gaither Pratt schilderte: »Sie saß mit dem Gesicht zu mir an einem kleinen runden Tisch, wobei Streichholzschachtel und Kompass vor ihr auf dem Tisch lagen. Sie streckte die Hände in Richtung Streichholzschachtel aus, schien sich sehr zu konzentrieren, und nach einer gewissen Zeit bemerkte ich, dass sich die Schachtel mehrere Zentimeter auf sie zu bewegte.« Sie legte die Schachtel wieder in die Mitte des Tisches, und wieder bewegte sich der Gegenstand auf die gleiche Weise. 

Das ist ein historischer Fall: Psychokinese wie aus dem Bilderbuch. Makro-PK nennen Parapsychologen das: Bewegungen von Objekten unserer Dingwelt durch das Bewusstsein, während Mikro-PK der Einfluss auf winzige Teilchen wäre in der Mikrowelt. Doch ob es tatsächlich der »Geist« war, der auf die Materie wirkte, ist nicht leicht nachzuweisen. Der Philosoph Gilbert Ryle nannte das Bewusstsein einmal den »Geist in der Maschine«, und Wirkungen von »Mind on Matter« würden uns sicher weniger verwundern, würde unsere Wissenschaft nicht so sehr nach  Descartes den Körper vom Geistigen trennen. 

Nehmen wir ein Phänomen wie die »Street Lamp Interference«, von dem Engländer Hilary Evans Mitte der 1990-er Jahre untersucht: Jemand geht an Straßenlaternen vorüber; einige flackern und fallen aus. Man meint unwillkürlich, sie »ausgeknipst« zu haben – aber vermutlich sind es komplizierte Wechselwirkungen wie bei dem berühmten »Pauli-Effekt«. Der in Göttingen lehrende österreichische Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli (1900–1958) musste nur an einem Labor vorbeigehen, und eine Störung trat auf; seine Kollegen George Gamov und Werner Heisenberg bestätigten es. 

Spuk!

Doch Lampenflackern und Stromausfälle sind relativ harmlos, wenn man sie mit manchen Spukerscheinungen vergleicht. Im frühen Mittelalter, im Jahr 858, fielen in Bingen am Rhein Steine vom Himmel, und die Bingener hörten seltsame Geräusche und Klopftöne. 1184 wird aus Wales berichtet, dass im Haus von William Not Erdklumpen umherflogen und Kleider zerrissen wurden. Damals hatte man keine andere Erklärung als Geister oder Teufel; eine katholische Formel für den Exorzismus wurde erst im 17. Jahrhundert entwickelt.  

Seit dem Mittelalter gab es weltweit wohl Hunderte Spukfälle mit den seltsamsten Ausprägungen. Beim Wasserspuk entstehen überall Lachen, Pfützen und Rinnsale, beim Feuerspuk brechen kleine Brände aus, beim Steinspuk fällt ein Steinregen oder fallen immer wieder Steine, ohne indes jemanden zu verletzen, und dann gibt es in ländlichen Gegenden den Stallspuk, bei dem oft kunstvoll die Schwänze von Pferden verflochten werden und mehr.  

Unterschieden wird zwischen personen- und ortsgebundenem Spuk. Der personengebundene Spuk bricht oft um eine »Fokusperson« herum aus, eine psychisch belastete Person. Teller, Möbel und Nippsachen bewegen sich, fliegen durch die Gegend, doch dauert der Spuk meist nicht allzu lange; ortsgebundener Spuk, der auch mit geisterhaften Schritten und Erscheinungen einhergeht, kann sich auch Jahre hinziehen. Ein Phänomen des ortsgebundenen Spuks ist etwa der meist weibliche Phantom-Anhalter, der an bestimmte Straßen »gebannt« zu sein scheint, einsteigt und wieder spurlos verschwindet.    

Der US-Parapsychologe Joseph Banks Rhine hat Spuk als »wiederholte spontane Psychokinese« bezeichnet (RSPK oder recurrent spontaneous psychokinesis). Der Spukforscher William G. Roll lobte die Eleganz dieses Begriffs: »Auf diese Weise wird vermieden, Geister oder Dämonen als für die Ereignisse verantwortlich anzunehmen. Wir machen jedoch immer noch eine Annahme, nämlich die, dass der Geist oder die Psyche von jemandem für das Spukgeschehen die Verantwortung trägt, egal ob dieser Jemand nun ein Wesen von Fleisch und Blut ist oder nicht.«   

Die Schweizer Forscherin Fanny Moser nannte Spuk ein »Rätsel der Menschheit«, denn ganz klarkommen wird man mit den verwirrenden Phänomenen nie, die einerseits wie billiger Schabernack wirken, andererseits intelligente Züge tragen. Da fliegen Fenster anscheinend auf, obwohl eine Vase davor steht – ein Fall von Halluzination −, da wird ein Tisch mitsamt Mobiliar in ein anderes Stockwerk transportiert und steht da wie zuvor. Was soll man davon halten? Vielleicht kommt man um die spiritistische Hypothese nicht herum: dass es sich um Verstorbene handelt, die einen Ort nicht verlassen wollen. In Japan werden solche Geister, die als Lebende einen schweren Tod hatten und Energie erzeugen,  yūrei genannt.    

Der englische Psychologieprofessor David Fontana erzählte in seinem Buch Is There an Afterlife? (2005), er sei einmal in ein Haus gekommen, von dem es hieß, es spuke dort. In einem Raum habe er sich seltsam gefühlt. So zum Spaß schleuderte ein Steinchen in eine Ecke − und es flog zurück! Das Spiel trieb er ziemlich lange, und jeder Stein, den er in die Ecke warf, wurde ihm zurückgeworfen. Später kam heraus, dass in der Nähe ein kleiner Junge bei einem Verkehrsunfall gestorben war, und mit einem Ritual konnte man den Jungen befreien.   

Der Schweizer Melchior Joller, dessen Haus in Stans (Kanton Luzern) jahrelang von Spukerscheinungen heimgesucht wurde, stand immer, wie er schrieb, »im Gegensatze zu dem Glauben an derartige Erscheinungen«. Als ein hartnäckiger Spuk über sein Haus hereinbrach, wusste er sich keine Antwort, verkaufte sein Anwesen und verließ das Land. Drei Jahre später, am 3. November 1865, starb er in Rom.  

Natürlich besagt eine andere Hypothese, Spuk lasse sich auf eine psychisch gestörte Person zurückführen, die, ohne es richtig zu wissen, geheime Regungen ausagiere. Doch die Phänomene sind oft derart massiv und komplex, dass sie einem unbedarften Menschen kaum zugesprochen werden können. Also wieder die Geister? Wir stehen erneut vor der Frage, was hinter den Phänomenen steckt.

Professor Andreas Resch aus Innsbruck, der an der Vatikanischen Universität Alfonsiana Paranormologie lehrte, erläuterte einmal, dass »alle paranormalen Phänomene als Phänomene natürlich sind. Dies besagt auch, dass es bei der Frage: Paranormale Phänomene und Transzendenz nicht um die Frage nach dem Phänomen, sondern um die Frage nach der Verursachung geht.«

 

 

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