Gryphius

Eines Nachts flog mich ein Satz an, der hieß: »O Herr, lass mich nicht auf dem Lauffplatz gleiten.« Es war aus einem Gedicht von Andreas Gryphius, Barock, und als Schüler hatte ich, wenn es Gedichte zu interpretieren galt, immer Gryphius gewählt. Das entsprach mir: tragisch, weltflüchtig, wehmütig. Alles eitel. Vergänglichkeit. Da ich nicht schlafen konnte, goss ich mir ein Bier ein, entzündete ein Pfeiflein und schrieb die drei Gryphius-Sonette zum Tag ab.

Über sein Leben: Geboren 1616 im schlesischen Glogau, gestorben 1664 daselbst. Er war Hauslehrer, Magister der Philosophie, reiste mit Wilhelm Schlegel, heiratete mit 33 Jahren eine vermögende Frau, die ihm sieben Kinder schenkte, von denen aber nur eines älter als 24 wurde: Christian Gryphius (1649-1709), Rektor eines Gymnasiums und Herausgeber der Werke seines Vaters (1698). Drei Universitäten lehnten Andreas Gryphius ab, also wurde er Regionalpolitiker: Syndikus der Landstände des Fürstentums Glogau. Bei einer Sitzung des Gremiums im Juli 1664 starb er. 

Adalbert Elschenbroich (so hießen früher Gelehrte) schrieb 1968 in einem Reclam-Büchlein, 300 Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, desssen Greuel das Land Jahrhunderte zurückwarfen, seien Gedichte von Gryphius wieder geschätzt worden – in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, und er habe den Expressionismus anscheinend vorweggenommen. Ich bringe nun die drei Sonette für den Tag zu Gehör, Morgen, Mittag, Abend. Wie ist die Zeit verthan!

Morgen Sonnet.

Die ewig-helle Schaar will nun ihr Licht verschlissen /
Diane steht erblasst; die Morgenröte lacht
Den grauen Himmel an / der sanffte Wind erwacht /
Vnd reizt das Federvolck / den neuen Tag zu grüssen.
Das Leben dieser Welt / eilt schon die Welt zu küssen /
Vnd streckt sein Haupt empor / man siht der Stralen Pracht
Nun blinckern auff der See: O dreymal höchste Macht
Erleuchte den / der sich itzt beugt vor deinen Füssen!
Vertreib die dicke Nacht / die meine Seel umbgibt /
Die Schmerzen Finsternüß / die Hertz und Geist betrübt /
Erquicke mein Gemütt / und stärcke mein Vertrauen.
Gib / daß ich disen Tag / in deinem Dinst allein
Zubring: und wenn mein End’ und jener Tag bricht ein
Daß ich dich / meine Sonn / mein Licht mög ewig schauen.

Mittag.  

Auff Freunde! Last uns zu der Taffel eylen /
IN dem die Sonn ins Himmels Mittel hält
Vnd der von Hitz und Arbeit matten Welt
Sucht ihren Weg / und unseren Tag zu theilen.
Der Blumen Zir wird von den flammen Pfeylen
Z hart versehrt / das außgedörte Feld
Wündscht nach dem Tau’ / der Schnitter nach dem Zelt;
Kein Vogel klagt von seinen Libes Seilen.
Itzt herrscht das Licht. Der schwartze Schatten fleucht
In eine Höl / in welche sich verkreucht /
Den Schand und Furcht sich zu verbergen zwinget.
Man kann dem Glantz des Tages ja entgehn!
Doch nicht dem Licht / das / wo wir immer stehn /
Vns siht und richt / und Hell’ und Grufft durchdringet.

Abend.

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Vnd führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen Feld und Werck / wo Thir und Vögel waren
Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit verthan!
Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glider Kahn,
Gleich wie diß Licht verfil / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor als eine Renne-Bahn.
Laß höchster Gott / mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten /
Laß mich nicht Ach / nicht Pracht / nicht Lust nicht Angst verleiten!
Dein ewig-heller Glanz sey vor und neben mir /
Laß / wsenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen
Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen /
So reiß mich aus dem Thal der Finsternüß zu dir.
 

 

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