Als Schlehmihl nach Warschau ging

Isaac Bashevis Singer kam auf manipogo schon öfter vor. Seine Geschichte mit dem obengenannten Titel zog mich durch ihre Absurdität an, über die nachzudenken war, denn sie schien so logisch, so unausweichlich. Auch das Verrücktsein ist manchmal eindeutig. Schlehmihl will also nach Warschau, und nun schauen wir, ob er da ankommt …

OIP.lYi2ScHUxQdO8wg1bW8rTgHaJ_Ein Schlehmihl (jiddisch: schlemiel) ist in ostjüdischen Geschichten ein Narr oder Tollpatsch. Singers Schlehmihl ist verheiratet, hat ein paar Kinder und lebt in Chelm. Von der Stadt Warschau hatte er gehört, von ihren prächtigen Häusern und Alleen. Da wollte er hin. Was er dort wolle? fragt seine Frau. Nichts, sagt er. »Was will ich schon in Chelm? Auch nichts.«

Chelm ist eine Stadt in Polen an der Grenze zur Ukraine. Damals, vor dem Zweiten Weltkrieg, war sie vielleicht klein; heute hat sie 65.000 Einwohner. Am 1. Januar 1940 errichteten die Nationalsozialisten dort ein Ghetto und schickten alle Juden Chelms ins nahegelegene Vernichtungslager Sobibor: in den Tod. — Als ich anfing zu schreiben, fiel mir plötzlich der Name Shmuel Rhodensky (1904-1989) ein. Er hatte 1968 die Hauptrolle im Musikal Anatevka und wurde bejubelt (rechts oben ein Szenenbild, passend zu Schlehmihls Reise, links unten ein weiteres).

Er war einer der wenigen Juden, die sich in Deutschland in die Öffentlichkeit trauten; ein anderer war der erfolgreiche Showmaster Hans Rosenthal (1925-1987), der Angehörige bei der Shoah verloren hatte und im Zentralrat der Juden aktiv war. Auf Youtube gibt es eine Sendung aus dem Jahr 1978 (als Singers Geschichte auf Deutsch erschien). Ein paar Minuten kann man schaffen. Unter dem Film weist jemand darauf hin, dass Rosenthal an jenem 9. November zur Erinnerung an die Reichskristallnacht einen schwarzen Anzug trug.

10581-1160x580-c-defaultAber nun zu Singers Hauptperson. Dalli dalli! Schlehmihl schmiert sich ein paar Brote und wandert los, wird aber schon bald müde. Er legt sich hin und stellt vorher seine Schuhe mit den Spitzen in Richtung Reiseziel. Doch ein witziger Schmied dreht sie um. Am nächsten Morgen geht Schlehmihl also zurück. Vieles kommt ihm »merkwürdig bekannt« vor. Was war die Lösung? »Es musste zwei Chelms geben, und er war hier im zweiten.« (Er dachte ja, weitergegangen zu sein; er war fest überzeugt.) Dann steht er vor der zweiten Frau Schlehmihl und sagt ihr: »Ich bin nicht Euer Mann.« Wo dann ihr Mann sei, fragt sie, gibt aber dem vermeintlich Verrückten etwas zu Essen.

Der Ältestenrat will Schlehmihl ins Armenhaus schicken, um moralische Konflikte zu vermeiden. Er darf jedoch auf die Kinder aufpassen, während die Frau zum Markt geht, und bekommt sogar Geld dafür, das er der Frau gibt. Beide sind zufrieden mit dem Arrangement. Jahre vergehen, und kein zweiter Schlehmihl kommt nach Chelm. Was ist mit dem ersten passiert? Ist er von Menschnfressern verspeist worden, musste er eine Dämonenprinzessin heiraten, fiel er den Rand der Welt hinab? Schlehmihl fragt sich, was seine wirkliche Frau macht. Wartet sie auf ihn oder hat sie einen anderen Schlehmihl genommen? Schließlich brummt er vor sich hin:

Gehst du weg von Chelm,
Kommst du zurück nach Chelm.
Bleibst du in Chelm,
Bist du sicherlich in Chelm.
Alle Wege führen nach Chelm.
Die ganze Welt ist ein riesiges Chelm. 

 

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