Die Jüdin von Toledo (2)

Interessant: Im Archiv von manipogo nachschlagend, kam ich darauf, dass ich den Roman Die Jüdin von Toledo von Lion Feuchtwanger (1884-1958) schon einmal gelesen hatte. Der Artikel darüber erschien vor acht Jahren und einer Woche (da ich dies hier schreibe). Was da drinsteht, kann ich heute nicht mehr richtig nachvollziehen. Man verändert sich ja.

Damals warf ich dem Roman vor, er verrate zuviel und lasse kein Geheimnis übrig. Der allwissende Erzähler gefiel mir auch nicht. Da habe ich diesem großen Autor und seinem Buch aber Unrecht getan. Manches schreibt man aus einer Laune heraus. Und man hat irgendwelche Grundsätze.

Die habe ich heute nicht mehr. Ich bin etwas weiter weg vom Text und will ihn an nichts messen. Es ist ein wunderbares Buch, und gerade die betörende Sprache, mit der Feuchtwanger den ganzen Prunk und die Schatten der ritterlichen Kultur Ende des 12. Jahrhunderts in Spanien porträtiert, zieht einen hinein ins Geschehen. Ab der zweiten Hälfte las ich etwas zögernd und unwillig, da Raquel sterben wird, und das wollte ich wegschieben und doch hinter mir haben. Danach fühlte ich mich befreit, und als die Särge mit ihr und ihrem Vater feierlich durchs schwarz geschmückte Toledo getragen und im jüdischen Friedhof bestattet wurden, war ich gerührt.

Und wie geschmackvoll der Autor die Liebe zwischen dem 40-jährigen König Kastiliens und der 20-jährigen schönen Jüdin schildert! Er schafft es, ihrer beider Glück glaubhaft zu machen, das immer in Gefahr ist. Über Alfons VIII. heißt es in der Romanze der Sepùlveda:

erosandpsychecgksSieben Jahre blieb der König
Eingeschlossen mit der Jüdin,
So dass sie sich niemals trennten.
Und es liebte sie der König   
Dergestalt, dass seines Reiches
Er vergaß und seiner selber.

Vielleicht fand er sich eher in der Liebe? Einem Priester gesteht der König:

Ich habe sie mehr geliebt als Leonor, mehr als meine Kinder, mehr als mein Reich, mehr als Christus, mehr als alles. Vergiss es, Priester, vergiss es gleich, aber einmal muss es heraus, einmal muss ich es sagen, dir muss ich es sagen: ich habe sie mehr geliebt als meine unsterbliche Seele.

2021-09-20-0001Leider liebte er auch das Rittertum und den Kampf; wieviel, das kann er nicht sagen, weil der Kampf sein innerstes Wesen war. Er war Kämpfer.

Und ist ein Satz wie der folgende nicht umgeheuer, geschrieben vom Erzähler, dem kleinen Halbgott, über Raquel und ihren Vater Jehuda Ibn Esra:

Sie hatten noch drei Tage zu leben, aber das wussten sie nicht. Sie sahen, wie die Sonnenuhr die Stunden zählte, wie die Schattenweiser vorrückten, und tief in seinem Innern wusste Jehuda, es waren ihre letzten Stunden, die da gezählt wurden; allein, er ließ diese Wissenschaft ihre erfüllte Stille nicht beunruhigen.

federl_konradDer König ist in der Schlacht, in der seine Streitmacht gegen die Moslems untergehen wird (die Schlacht von Alarcos, 1195), 100.000 Männer werden fallen und werden von 100.000 Ehefrauen und 100.000 Müttern betrauert, jeder ein Verlust, und die Mordschwadron macht sich auf den Weg in die Burg, die Galiana. Ach, die vielen Millionen Toten aller Kriege der vergangenen 3000 Jahre auf diesem Planeten! Auch wenn es grausam klingt: Sie liegen am Weg des Lernens der Menschheit, die heute, fast acht Milliarden stark, recht friedlich zusammenlebt, was uns der Journalismus immer vergessen lässt.

Und sagen wir noch, dass Kriege von Männern geführt wurden und werden. Jezer Hara nennt der moslemische Arzt Musa den bösen Trieb im Mann, und einen Satz von ihm musste ich auf mich beziehen:

Kein Laster sitzt tiefer als das der Schriftstellerei.

Ω

Mitte September sah ich, dass die Abrufzahlen miserabel waren. 600.000 Abonnenten, und plötzlich nur noch 100 bis 200 Abrufe! Erst wollte ich mich von manipogo distanzieren, den Blog erst zweitägig, dann dreitägig laufen lasnnen … doch dann beschloss ich, den Zahlen nicht zu glauben: sie zu ignorieren. Vielleicht gelingt es mir, sie nicht mehr nachzuschlagen. Ich finde jedenfalls, manipogo muss es geben, und da ich von dem obengenannten Laster befallen bin, geht es weiter wie gewohnt.   

Illustrationen: Amor und Psyche; und dann zwei Mal der Ritter Konrad Federl aus Landsberg am Lech als Alfonso VIII.

 

 

 

Die Kommentarfunktion ist derzeit geschlossen.