Ende August

Ich hatte ein paar Gedichte vorstellen wollen, die vom Ende des Monats August handeln und die eine Stimmung ausdrücken, wie es nur ein Gedicht kann. Dann … verwarf ich den Einfall. Zwei Stunden später holte ich ein Buch ab, Die Ringe des Saturn von W. G. Sebald, und es fängt so an: »Im August 1992, als die Hundstage ihrem Ende zugingen, machte ich mich auf eine Fußreise …« Also gut. Ich war überredet. 

Schon liegt Septemberdunst in der Luft. Im Markgräflerland

Das passiert mir öfter, dass meine Gedanken in der Welt dort draußen ein Echo finden. »Echo-Effekt« hat das der englische Parapsychologe Brian Inglis getauft. Ich lerne Norwegisch, und diese Tatsache schwebt um mich her – und ich finde ein Norwegisch-Buch im Antiquariat; und dann stoße ich, in Landsberg am Lech, auf zwei norwegische Wohnmobile.  

Ich war mit meiner Mutter in Regensburg, und hinterher stießen wir beide fast zwangsläufig auf Dinge, die mit Regensburg zu tun hatten. Natürlich ist man nun darauf »gepolt«, aber ich weiß, es ist kein Zufall. Führt mich mein »Höheres Selbst« zu diesen Koinzidenzen hin – oder werden die Dinge von mir angezogen? Jedenfalls verändern und strukturieren meine Gedanken meine Welt. Sie ist modellierbar. 

Ein wunderbares Gedicht über den August ist von Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975), aus dem legendären Gedichtband Westwärts 1&2.   

Einen jener klassischen 
schwarzen Tangos in Köln, Ende des
Monats August, da der Sommer schon
Ganz verstaubt ist, kurz nach Laden
Schluß aus der offenen Tür einer
dunklen Wirtschaft, die einem
Griechen gehört, hören, ist beinahe
ein Wunder: (…)

Felder in Spanien. „Die Äcker rein und glänzen leise“ – aus einem anderen August-Gedicht

In Die Ringe des Saturn besucht der Erzähler seinen Freund, den Schriftsteller Michael Hamburger. »Wir unterhielten uns über den leeren und lautlosen Monat August. For weeks, sagte Michael, there is not a bird to be seen. It is as everything was somehow hollowed out.«  

Das andere August-Gedicht, erwähnt in der Bildunterschrift, ist natürlich das von Gottfried Benn (1886-1956), Einsamer nie. »Einsamer nie als im August«, fängt es an, und da sieht ein Denker melancholisch denen zu, die ihr Leben genießen. Während alles glücklich ist »und tauscht den Blick und tauscht die Ringe —: dienst du dem Gegenglück, dem Geist.« Der Geist schaut dem Leben zu und ist ein wenig neidisch. In seinem Aufsatz Pessimismus hat Benn geschrieben: »Der Mensch ist nicht einsam, aber Denken ist einsam.«

Auch die ersten acht Zeilen des berühmten Gedichts Sailing to Byzantium von William Butler Yeats (1865-1939) schlägt diese Tonart an. »That is no country for old men.« (Die Gebrüder Coen haben danach ihren Film aus dem Jahr 2007 benannt; hier mein Bericht über ihren Film True Grit.) »The young / in one another’s arms, birds in the trees …« Doch die Liebenden und die Kreatur, die die sensual music des Sommers genießen, »all neglect / Monuments of unageing intellect.« Sie vergessen alle die Denkmale des ewig jungen Geistes. Unser Pech.    

Der Sommer ist fast vorüber (oder schon ganz verstaubt), es geht wieder in die Arbeit und in die Schule, ein schöner September steht uns bevor und vielleicht noch ein goldener Oktober, aber der Herbst winkt schon vom Horizont her. Dem kann sich kaum jemand entziehen, wir leben in diesem Rhythmus wie zwischen Ebbe und Flut, und früher – ohne die vielen Lustbarkeiten und Events von heute – war das Leben noch stärker durch die Jahreszeiten skandiert. Aber jedes Ende trägt einen Anfang in sich, und so freuen wir uns auf die starken Farben des Herbstes.  

 

    

Ein Kommentar zu “Ende August”

  1. Christine

    Hallo Manfred! Mit dem Schlusssatz bist du nah am Gedicht ‚Stufen‘ von Hermann Hesse „… und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, …“ und als Schluss „… Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

    Gruss, Christine

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