Sechs Farben: grün

Ich wollte meine Farben-Serie, die Ende November mit dem Blau begonnen hatte, eigentlich still und heimlich auslaufen lassen, weil sie mir etwas langweilig vorkam. Aber heute ist angeblich Gründonnerstag, und meine Nichte Franziska, die Grün sehr gern mag, reist aus Berlin an, da freue ich mich! Und bin überredet: grün.

Vorher hatten wir noch Rot und Weiß. Im Sufismus ist Grün die Farbe der Seele, nafs, gehört also zu Malakût, dem Obersten Reich. Da gibt es, wenn ich mich recht entsinne, den großen Abgesandten Khedir, der sagt: »Glücklich macht die Farbe Grün, Wasser und ein schönes Gesicht.«  

Im Tibetischen Totenbuch gibt es ja alle Farben. Es malt ein anderes Bild vom Bardo, vom Zustand nach dem Tod, als wir im Westen es kennen; wir sollten es nicht ganz von der Hand weisen. Der Verstorbene verbringt vier Tage in Bewusstlosigkeit, dann weiß er nicht mehr, wo er ist, und es beginnt der erste Tag mit gleißendem Licht und dem Gott Vairocana. Man soll mutig sein und diesem Licht standhalten, dann wird man gerettet. Der Onkel sollte, wäre er mit tibetischen Traditionen aufgewachsen, heute diese »erschreckende« Bläue wahrnehmen, ruhig bleiben und vor der Weite des Vairocana nicht fliehen.  

Wer aber klein beigibt und sich verdrückt, hat trotzdem jeden Tag eine neue Chance, und am fünften Tag erst erscheint die Farbe grün (die Farbe des Neides, bei uns: Gelb. Für uns ist grün die Hoffnung, der Frühling.).  Der Gott Amoghasiddi bedeutet die Vollendung aller Werke und Allmächtigkeit. Am siebten Tag noch einmal grün: der Bereich der Tiere, und die Farbe symbolisiert die Unwissenheit, die eines Gurus bedarf. 

Zurück auf die Erde: Gestern machte sich schon einmal die Sonne bemerkbar. Der Schnee zieht sich zurück, das Grün wird deutlicher sichtbar. Faust begibt sich bald auf seinen Osterspaziergang: »Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; / Im Tale grünet Hoffnungs-Glück; / Der alte Winter, in seiner Schwäche, / Zog sich in rauhe Berge zurück 

Also entstaubt eure Räder und fahrt hinaus! Winnie und Regina von Winnies Bike-Service in Müllheim (Baden) haben für ihren Laden die Farbe grün gewählt. Und manche Radler fahren auf grünen Rädern herum, das berühmteste hat Romano Puglisi, und hier kommen noch drei weitere, die ich auf meinen Ausflügen fotografierte.  

Gesehen irgendwo in Ostfrankreich
Ein Bahnrad an der Rennbahn Zürich-Oerlikon
Irische Radreisende in Breisach, 2012

Einmal, im Mai 2011, kam ich auf einer Radreise durch Apulien durch das schöne Gallipoli am Meer, und auf dem Campingplatz gab es eine grüne Plane, die gegen die große Hitze schützen sollte. Am nächsten Tag, als ich abreisen wollte, kam ein Wolkenbruch, da war die Plane auch sinnvoll.

 

 

Ein Kommentar zu “Sechs Farben: grün”

  1. Regina

    Lieber Manfred, gerade gestern auf unseren Jahreszeitentisch wie immer ein Zitat aufgestellt:
    „Aber du scheinst noch, Sonne des Himmels! Du G R Ü N S T noch, heilige Erde! Noch rauschen die Ströme ins Meer und schattige Bäume säuseln im Mittag. Der Wonnegesang des Frühlings singt meine sterblichen Gedanken in Schlaf. Die Fülle der alllebendigen Welt ernährt und sättigt mit Trunkenheit mein darbend Wesen“. Schöne Ostern, ciao Regina

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