Lindau-Insel

Ende April bin ich mal wieder in Lindau gewesen, der Geburtsstadt meines Vaters. Man besucht natürlich die Insel mit Hafen, flankiert von Leuchtturm und Bayerischem Löwen, sehr bekannt. Ein normaler Werktag mit Sonne, und schon viele Touristen. Das ist so, aber blöd ist es.

CIMG0646Da gibt es einen Rikscha-Fahrer und mehrere Straßenmusikanten, allerlei gastronomische Angebote, aber irgendwie ist alles falsch. Alles wird vermarktet, alles verkauft etwas oder verkauft sich, und alles wird beliebig und unauthentisch. Tausende Autos parken, tausende Leute flanieren in der Hauptstraße, Boutiquen gibt es mit vielem Krempel, ein wenig Kunst und Schuhe und Klamotten, und die schönen alten Häuser sind eine ansprechende Kulisse. Was stört mich daran?

CIMG0645Ich setzte mich in das Hafencafé 37 Grad, ganz außen Richtung Bahnhof. War früher einmal ein alternatives Café, leicht heruntergekommen, aber gemütlich. Die Musik war gut, immerhin: ganz leichter, schwebender Techno. Ein paar Pakistani mit  starren Mienen haben das übernommen, weil das Verlebte mit den Spuren der Zeit andere anscheinend nicht mehr interessiert.

Hoch zum Leuchtturm kann man nicht mehr, keine Ahnung warum. Da saß ich und war traurig und glücklich zugleich; glücklich, weil die Sonne schien und Lindau immer etwas Besonderes war; heute ist es ein Touristenort ohne Charakter, der Kommerz kriegt alles klein.

CIMG0644Vor 30 Jahren habe ich einen Roman geschrieben, der in Lindau spielte. Heute wäre das nicht mehr möglich, es klänge falsch. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagte Adorno, und es ist einer der wahrsten Sätze überhaupt. Freilich kann man das anders sehen, aber mir bedeutete Lindau immer etwas.

Wenn die Stadt anderen auch etwas bedeutet, wird es gefährlich: Dann kommt das Geld, und sie verändert sich. Früher lebten wir in München, und das war normal, bis viele andere die Biergärten »geil« fanden und den bayerischen Lebensstil sowieso; dann muss man weiterziehen — dorthin, wo’s keinen interessiert, wo das Leben noch normal ist und nicht von einer künstlichen Aura umgeben.

 

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