Weltabkehr

Der greise Besitzer des Miramare-Hotels am Bahnhof Santa Marinella, mit dem ich mich bald angefreundet hatte, Duilio Ferrucci, wirkt nicht vergreist. Was auf sein Alter hindeutet, ist ein schleppender Schritt und ein gütiges, resigniertes Lächeln um die Lippen. »So läuft das in der Welt«, sagte er kürzlich jemandem am Telefon. Sein Vater habe jedoch einmal gesagt: »Diese Welt ist nichts mehr für mich.«

Das erinnerte mich an eine schöne Stelle aus dem Buch Commentaries on Living: third series über Gespräche des Weisen Krishnamurti, verlegt von D. Rajagopal 1981 in Neu-Delhi. Am Anfang jedes Dialogs wird die Szenerie geschildert: Landschaft und Menschen. Dann ein kurzer Absatz, und die Gesprächspartner Krishnamurtis werden vorgestellt. Ein Abschnitt beginnt so: 

»Da waren vier, die sangen, und es war reiner Klang. Es waren ruhige, ältere Männer, desinteressiert an weltlichen Dingen, aber nicht, weil sie bewusst verzichtet hätten; sie fühlten sich zur Welt einfach nicht hingezogen. Sie trugen reinliche, aber alte Kleider unter ihren feierlichen Gesichtern, und in der Straße hätte man sie,wären sie vorbeigekommen, gar nicht richtig wahrgenommen. Aber in dem Augenblick, in dem sie zu singen anfingen, wurden ihre Gesichter verwandelt und wurden strahlend, alterslos, und dann schufen sie, mit dem Klang der Worte und der kraftvollen Intonation, die außergewöhnliche Stimmung, die von einer sehr alten Sprache ausgeht. Sie waren die Worte, der Klang und die Bedeutung. Der Klang der Worte besaß große Tiefe.« 

»Man wurde in diesen zwei Stunden nicht müde; man wollte sich nicht bewegen, und die Welt mit all ihrem Lärm existierte nicht. Dann hörte der Gesang auf, und der Klang hatte sein Ende erreicht; aber er ging in dir weiter, und er würde tagelang in dir weitergehen. Die vier verneigten sich und grüßten zum Abschied, und dann wurden sie wieder ganz normale Leute. Sie sagten, sie hätten diese Art des Gesangs zehn Jahre einstudiert, und viel Geduld und Hingabe waren dazu nötig gewesen. Es war eine aussterbende Kunst, denn heute war niemand mehr gewillt, sein Leben diesem Gesang zu widmen; es gab wenig Geld und keinen Ruhm dafür, und wer wollte freiwillig in diese Welt eintreten? Sie seien hoch erfreut, sagten sie, ihre Kunst vor Menschen darzubieten, die ihren Einsatz wirklich schätzten. Dann gingen sie ihrer Wege, arm und verloren in einer Welt voller Lärm, Grausamkeit und Gier. Aber der Fluß hatte zugehört und verhielt sich still.«     

 

Ein Kommentar zu “Weltabkehr”

  1. Regina

    Lieber Manfred,

    schöön! Genau und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben, sie leben in der Welt wie Fremdlinge im eigenen Hause. (aus dem Hyperion) ciao Regina

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