Santa Marinella

Eigentlich wollte ich gar nicht unbedingt nach Santa Marinella. Aber man lässt sich vom Leben führen, wie es Jean-Louis einmal ausgedrückt hat, ein spiritueller Franzose, den ich in Südfrankreich kennengelernt hatte. Ich warf also meine Planungen um. In Misano war es auch am fünften Tag wieder grau gewesen, und Numana bei Ancona lag nur 70 Kilometer weiter südlich. »Fahr doch gleich weiter runter, nach Santa Marinella, da ist immer gutes Wetter, auch wenn es in Florenz regnet«, hatte Giovanna gesagt.

In der Tat. Am 11. Mai zum Beispiel war für Florenz Regen angesagt, aber hier in Santa Marinella: Himmel klar, die Sternlein blinkten. Ich fuhr also am 7. Mai nach Montemassi 50 Kilometer südlich von Siena (davon haben wir schon Bilder gesehen) und am 9. Mai weiter nach Santa Marinella. Da miete ich mir ein Apartment, dachte ich. Die Staatsstraße Nummer 1, die »Aurelia«, führt von Grosseto an der Küste entlang direkt durch Santa Marinella. Der Ort liegt längs am Meer, aber das Ortszentrum wird nicht richtig klar. Das Schild Municipio (Bürgermeisteramt) ist immer dienlich, aber eine Piazza mit Kirche war nicht zu sehen.  

Ich parkte also an der Hauptstraße und war nah am Zentrum, ohne es zu wissen. Der Pavillon des Touristikamts war geschlossen. Ohne Hilfe kann man nichts mieten. An einer Straße wies ein hinfälliges Schild zum Hotel »Miramare« am Bahnhof. Miramare, Meerblick? Glaubte ich nicht. Ging trotzdem hinein. Eine Frau kam auf mich zu und sagte unfreundlich: »Alles in Ordnung. Wir kaufen nichts. … Wollen Sie vielleicht ein Zimmer? Gut. Kostet 40 Euro.« Ob es vielleicht ein Zimmer mit Balkon gäbe, fragte ich. Ich solle in einer halben Stunde wiederkommen. Das war nicht gerade ein netter Empfang, aber man soll sich nicht abschrecken lassen. Der Preis war ja gut. Also ging ich hin und sagte zu.  

Und es wurde wunderbar. Die Frau war plötzlich ganz nett und gab mir ein Zimmer im zweiten Stock, tatsächlich mit großem Balkon, von dem man in der Ferne das Meer sieht! Aus dem kleinen Bahnhof kommen Leute vom Zug aus Rom, und abends laufen junge Leute herum, und man sieht wunderschöne junge Mädchen. Das honiggelbe Licht vor dem Bahnhof hat etwas Heimeliges wie überall in Italien. Die Jungen schreien zwar von der Hauptstraße her, aber dann wird es ruhig. Ich kann schreiben und auf dem Balkon rauchen, sehe unten Leute und bin nicht ganz am Ende der Welt. Einen Kilometer weiter ist der Fahrradladen, und 100 Meter sind es zum Meer, 200 Meter zur Promenade, die weiterführt zum Lungomare. 

Und drei wunderschöne Radtouren gemacht im Mai: San Marino, von Montemassi durch einsames toskanisches Bergland nach Follonica am Meer, und hier von San Severa hoch nach Tolfa, 21 Kilometer, 500 Meter hoch, weiter nach Allumiere und runter nach Civitavecchia, an einem Samstag, an dem die Stadt ziemlich leer war. Dann noch zwei Stunden am Meer mit den Büchern. Auf diesen Reisen ist die kritische Phase immer die Suche nach dem Quartier, aber dann wird alles meistens wunderbar. Du musst nicht beten, du bekommst, was du brauchst, wenn du glaubst.               

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