Italien, das Wunder

Jetzt bin ich wieder in Deutschland und lasse meine italienischen Erfahrungen vor dem geistigen Auge vorübergleiten. Auch in Santa Marinella gab es einen kleinen Supermarkt, in dem arme Leute einkauften, und ich dachte an das Glattzentrum bei Zürich, …… wo am Samstag Vormittag das Parkhaus immer voll ist und die Leute ihre Einkaufswägen kaum aus dem Migros schieben können, so voll sind sie, und jeder Einkauf kostet vermutlich 300 Franken. Der Markt in Santa Marinella nimmt vermutlich am Tag soviel ein wie der Glatt-Migros in einer Stunde. Essen die Schweizer so viel? Haben sie besonders große Speisekammern? 

Ein Mitarbeiter der Etrusker-Gräber von Cerveteri beklagte sich an der Bar, er hätte seit 40 Tagen keinen Lohn mehr bekommen. (Andere bekommen seit 20 Monaten nichts und arbeiten trotzdem weiter in der Hoffnung, dass doch noch etwas eintrifft.) Ich holte mir Geld an einem Automaten und bemerkte öffentlich, dass die Deutschen die Unikredit-Bank gekauft hätten. »Die dehnen sich aus«, meinte ein alter Mann, »und uns machen sie klein. Uns erdrücken sie.« Sie bekomme 400 Euro im Monat, schaltete sich eine Frau ein, für acht Stunden am Tag, wie das sein könne?  

Zwei Sardinnen erzählten, sie hätten die Insel verlassen müssen, weil es keine Arbeit gab. Nun, in Rom, sucht eine von ihnen immer noch. Eine begabte Lehrerin in Montemassi gibt überall Kurse, verdient aber nicht genug. Sie muss putzen gehen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Der 25-jährige Sohn eines Barbesitzers in Santa Marinella hat einmal für die Wind gearbeitet, Informatik, aber warum studieren? Hat ja doch keinen Sinn. Also hilft er seinem Vater in der Bar und kann einspringen, wenn ein Gast Computerprobleme hat. 

Im Ort gibt es mindestens zwölf Immobilienagenten, die meisten sitzen arbeitslos herum, erst zwischen Juni und September wollen Leute etwas für den Sommer mieten. Wie die Zone zwischen Rimini und Cattolica an der Adria ist diejenige zwischen Santa Marinella und Fregene (und alle an den Küsten) auf den Sommertourismus konzentriert, der um den 10. Juni anfängt, wenn die Schulen schließen. Mitte September ist es dann wieder vorbei. Drei Monate auf Hochtouren. 

Auch Santa Marinella war bis in die 1980-er Jahre ein stolzer, eleganter Badeort, in dem Industrielle und Intellektuelle Villen unterhielten. Heute sind sie in Ägypten, auf Sardinien oder auf den Bahamas, und die Jungen buchen zwei Wochen Mallorca oder Türkei, weil das billig ist.

Die neue Regierung unter Enrico Letta versucht, zwei Monate nach der Wahl irgendwie in die Gänge zu kommen, der Chef spricht viel über Jugendarbeitslosigkeit, und gut ist, dass man darüber spricht. Am Vormittag zwischen zehn und zwölf gibt es auf allen Fernsehkanälen therapeutisches Sprechen: Einfache Italiener erzählen vor Publikum vor ihren Sorgen, betreut stets von einem Moderatorenpaar, deren Gesichter tiefstes Mitleid ausdrücken (sollen), denn es geht um Geschichten wie »Ich war ein erfolgreicher Unternehmer, und jetzt lebe ich mit meiner Mutter in einem Zelt«.  

Aber in zwei Monaten ist ja schon wieder August, da legt sich die Hitze über das Land, und zwei Monate geschieht wiederum nichts. Andererseits: Was soll schon geschehen? Unglücke geschehen, Morde geschehen, und alles erfahren wir detailliert in der Cronaca nera im Telegiornale (Laura Chimenti moderiert und ist am schönsten) die Fußball-Saison fängt wieder an, der Giro d’Italia ist vorbei (wer hat gewonnen?), und der Mai wartete mit instabilem Wetter auf. Der Papst spricht gegen die Auswüchse des Kapitalismus.  

An einem Sonntag Nachmittag saß ich am Hafen von Santa Marinella, den das Schloss Odescalchi überragt, und in der Ferne erheben sich sachte Hügel, und die Wellen branden aufs Land. Von oben vom Schloss erklang Musik einer Band zu einer Hochzeit, »Georgie Porgy« und »Rosanna«, alles so schwerelos und traumverloren, und überhaupt: Worauf warten wir? Worauf warten alle? Auf ein Wunder? Welches Wunder, das nicht diese Existenz schon wäre?

 

Ein Kommentar zu “Italien, das Wunder”

  1. Renate Frank

    Ja, da denkt man immer, nichts ist so ewig wie der Wandel. Nur in Italien nicht…
    Und dann erinnere ich mich an einen Bericht der Bundesbank, die will herausgefunden haben, dass das mittlere private Haushaltsvermögen der Italiener ungefähr drei Mal so hoch ist wie das einer deutschen Familie. Das wundert einen dann auch irgendwie…

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