Geschworene Jungfrau

Ich suchte immer nach dem Buch Sole bruciato von Elvira Dones, einer albanischen Autorin. An einem Bücherstand in Rom, Piazza della Repubblica, fand ich dann Vergine giurata derselben Autorin, und das nahm ich mit. Der Verkäufer wollte 5 Euro, und ich glaube, es war das erste Mal, dass ich handelte! Ich rief ihm zu: »Ich biete drei!« Und er nickte.

Frau Dones hat wie viele Albaner und Albanerinnen nach dem Sturz des Enver-Hodscha-Regimes das Land verlassen, so dass heute über eine Million Albaner außerhalb ihrer Heimat leben. Albanien hatte ja schon in der ersten Woche von manipogo  im August 2012 einen Auftritt. Elvira Dones lebte bis 2004 in der Schweiz, seither in den Vereinigten Staaten und in der Schweiz, und sie schreibt albanisch und italienisch, denn Italien ist der wichtigste Nachbar des kleinen Landes. Man steigt in Durres (Albanien) in ein Schiff und landet in Ancona (Italien).  

Der Roman ist sachlich geschrieben, und ich habe ihn schnell und mit Freude gelesen. Man erfährt etwas aus einer anderen Welt: aus dem Norden Albaniens, der Bergregion, und die Geschichte ist auch völlig ungewohnt, aber packend. Hana Doda, eine junge Frau, hat ihre Eltern bei einem Unglück verloren und wächst bei Onkel Gjergj (Dscherdschi) und Tante Katrina auf, die eine gute Ehe führen und Hana respektieren, die Bücher und Gedichte liebt, seltsam in dieser archaischen Welt.  

Irgendwann kommt es soweit, dass Gjergj sich gezwungen sieht, für Hana einen Ehepartner zu finden. Eine überraschende Lösung eröffnet sich: Hana kennt den Kanun, das albanische Buch der Sitten und Gebräuche, und sie ernennt sich, 20-jährig, zum Mann und gibt sich den Namen Mark. Sie wird eine »geschworene Jungfrau« (das ist im Italienischen ein Wortspiel, vergine giurata erinnert an den offiziellen Wachmann, den guardia giurata), fährt Lastwagen und bleibt in den Bergen. Aber ihre Cousine Lila, die mit Ehemann Shtjefën in die USA ausgewandert ist, drängt sie, auch zu kommen, ein neues Leben zu beginnen.  

Mark Doda ist nun 34, setzt sich in die Maschine und besucht die Verwandten, bleibt bei ihnen, findet eine Arbeit (in einem Parkhaus, sozusagen als guardia giurata), und dann … möchte und muss sie sich wieder zur Frau zurückverwandeln, muss wieder Hana werden mit all den Problemen, die damit einhergehen, und vermutlich ist es schwierig, wieder Frau zu werden; schwieriger als Mann. Oder? (Eigentlich alles schwierig. Haustier sein ist am besten oder Eremit.)  

Und irgendwann tritt dann ein Mann in ihr Leben, Patrick O’Connor, ein freier Journalist, älter und nett, und es beginnt eine vorsichtige, rücksichtsvolle Affäre zwischen beiden, aber das ist in Ordnung, lassen wir es den beiden und dem Roman, der überrascht, weil er von einer anderen Welt und einer ungewöhnlichen Geschichte berichtet, und solche Werke sind selten wir Perlen. Elvira Dones hat aus der Geschichte des Romans den Dokumentarfilme Sworn Virgins gemacht, der bei einem Frauenfilmfestival in Baltimore 2007 den Hauptpreis bekam.  

 

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