Der Berg der Wahrheit

Gestern hatte ich von alternativen Lebensformen geschwärmt und gleichzeitig zugegeben, dass alle gescheitert sind. Egal, träumen darf man. Ich gebe sogar dazu, dass es für mich nichts wäre; ich war nie WG-Bewohner, den ich bin ja lieber Eremit. Sprechen wir über die Versuche.

Plato, der griechische Philosoph, versuchte in Syrakus seine Konzepte einer idealen Gesellschaft umzusetzen und musste gescheitert fliehen; fast hätte man ihn gelyncht. Das muss man wissen, um den Satz zu verstehen, den ein Professor in der Freiburger Straßenbahn an Martin Heidegger richtete, der gerade eingesehen hatte, dass die Nationalsozialisten, für die er eingetreten war und die ihn zum Rektor der Freiburger Uni gemacht hatten, nicht zu ihm passten. »Na, Herr Heidegger, zurück aus Syrakus?« hieß der Satz.  

Die Utopie. Das heißt u-topos: kein Ort. Sie ist woanders. Utopische Lebensformen. Im Oktober 1900 kamen Henri Oedenkoven und Ida Hofmann mit fünf Freunden in München-Schwabing zusammen. Nach langer Suche gründeten sie eine Lebensgemeinschaft auf dem Monte Verità bei Ascona, die berühmt wurde. Robert Landmann hat in 1973 ein Buch darüber veröffentlicht, das kein Detail unterschlägt. Oedenkoven war ein systematischer Geist, der sich nie unterkriegen ließ. Freche, arbeitsscheue und provokante Gestalten unterwanderten den Betrieb, der sich immerhin fast 20 Jahre lang aufrecht erhalten ließ. Zeitweise war der Monte Verità ein Magnet für den Tourismus, denn alle wollten die Langhaarigen sehen, die es wagten, mit unbekleideten Waden herumzulaufen und gar nackt Sonnenbäder zu nehmen.

Eine komische Zeit war das damals, voller Weltveränderer und Sonderlinge, die sich in pathetischen Worten ergingen. 1920 verließen die Gründer die Siedlung und starteten ein Projekt in Brasilien, der Monte Verità wurde dann ein Hotel und ein Tagungsort, an dem in den 1950-er Jahren die berühmten Eranos-Konferenzen stattfanden.     

Ende der 1960-er Jahre war dann wieder Platz für die Utopie. Die Studentenunruhen 1968, der Mythos Woodstock (1969), the summer of love.  Wieder gab es Kommunen und andere Lebensformen, und München, vor 100 Jahren Paradies von Künstlern und Lebenskünstlern, war wiederum ein Brennpunkt. Auch schon Geschichte.  

Kürzlich gelesen: ein Buch von P. M. (Paul Meier), einem Schweizer Autor, der sich mit alternativen Lebensformen auskennt. Manetti lesen heißt das Buch. Manetti ist ein Kultautor, und alle, die ihn lesen, verschwinden auf rätselhafte Weise − und tauchen wieder auf, irgendwo, ich glaube, in Brasilien, was so schön klingt. Diese Leute, die verschwinden, denen ging es eigentlich gut, und trotzdem ließen sie ihr gewohntes Leben hinter sich. Man fragt sich unwillkürlich: Was suchten sie? Was suchen wir?

Ein Kommentar zu “Der Berg der Wahrheit”

  1. Renate Frank

    Mir scheint der Mensch ewig auf der Suche nach Gemeinschaft. Dabei ist die doch nur Illusion.
    Hermann Hesse hat das gut zusammen gefasst:

    Allein

    Es führen über die Erde
    Wege und Strassen viel,
    aber alle haben
    das selbe Ziel.

    Du kannst reiten und fahren
    zu zweien und zu drein’n …
    den letzten Schritte musst Du
    gehen allein

    Drum ist kein Wissen
    noch Können so gut
    als dass man alles Schwere
    alleine tut.

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