Antonio Machado

Machado ist in Spanien ein Mythos. In Italien erstand ich eine neue Ausgabe seiner frühen Werke Soledades und Campo di Castillo für 5 Euro. Das sind die »preiswerten Taschenbücher Newton«, die etwas für die Lyrik tun. Gedichte in spanischer Sprache sind klangvoll, und das Spanische ist vielleicht die schönste europäische Sprache für Lyrik.

Antonio Machado wurde 1875 in Sevilla geboren, aus einer liberalen, gebildeten Familie, und er schrieb Gedichte. Nach dem Tod des Vaters kamen finanzielle Probleme auf die Familie zu, und Machado wurde Lehrer´, erst in Soria, dann in Segovia, beides in Andalusien. 1909 heiratete Antonio Leonor, die aber schon drei Jahre später starb. 1928 lernte er noch die Dichterin Pilar de Valderrama kennen, und sie liebten sich.  

1931 wurde er endlich wie gewünscht nach Madrid versetzt, war schon ein bekannter Dichter, und dann brach 1936 der Krieg aus. Der schüchterne Lyriker setzte sich für die Republik ein, musste aber Ende Januar 1939 ins Exil. Drei Wochen später starb er in Collioures am Meer, unweit von Portbou an der spanischen Grenze, in der Walter Benjamin eineinhalb Jahre später auf der Flucht seinem Leben ein Ende setzen sollte.  

Machados Bruder José fand in seiner Tasche drei Tage später einen Zetttel mit einer Zeile. Francisco José Martin meint in der Einführung zu dem Buch, es sei ein perfekter Alexandriner (auf dem Jambus basierend, also zu Beginn die Hebung) und enthalte die gesamte Poesie Antonio Machados. Die Zeile lautet: 

Estos días azules y este sol de la infancia

(Diese Tage, die blauen, und diese Sonne der Kindheit )

Die Spanier sind streng in der Form. Machado schreibt ohne Reim, aber mit bewundernswürdigem Rhythmus, etwa die folgenden Zeilen mit je neun Silben pro Strophe.

Pasado habían el puerto
de Santa Inés, ya mediada
la tarde, una tarde triste
de novembre, fría y parda.
Hacia la Laguna Negra
silenciosos caminaban.

Überquert hatten sie den Pass
von Santa Inés, schon weit war
der Abend, ein trauriger Abend
im November, kalt und grau.
Auf Laguna Negra zu
schritten schweigend sie dahin.

Oder dieser tragische Vers:

Señor, ya me arrancaste lo que yo más quería.
Oye otra vez, Dios mío, mi corazón clamar.
Tu voluntad se hizo, Señor, contro la mía.
Señor, ya estamos solos mi corazón y el mar.

Herr, du entrissest mir, was ich am meisten liebte,
Hör noch einmal, mein Gott, wie mein Herz zu dir fleht.
Dein Wille geschehe, Herr, gegen den meinen,
Herr, nun sind wir alleine mein Herz und das Meer.

 

Das noch; Machado träumt viel: 

CXXIII.

Soñé que tú me llevabas
Por una blanca vereda,
En medio del campo verde,
hacia el azul de las sierras,
hacia los montes azules,
una mañana serena.
Sentí tu mano en la mía,
tu mano de compañera,
tu voz de niña en mi oído
como una campana nueva,
como una campana virgen
de una alba de primavera.
Eran tu voz y tu mano,
en sueños, tan verdaderas! …
Vive, esperanza, quien sabe
Lo que se traga la tierra!

Mir träumte, du nahmst mich mit
auf einen weißen Fußweg
mitten in den grünen Feldern,
hin zum Blau der Sierras,
hin zu den blauen Bergen,
an einem heiteren Tag.
Ich spürte deine Hand in der meinen,
deine Hand der Mitstreiterin,
deine kindliche Stimme klang mir
wie eine neue Glocke,
wie eine jungfräuliche Glocke
an einem Frühlingsmorgen.
Wie wirklich waren deine Stimme
und deine Hand im Traum!
Lebe, Hoffnung; wer weiß,
was die Erde unter sich begräbt!

(Illustration: Rolf Hannes

 

 

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