Drei schöne Gedichte

Was ein schönes Gedicht ist, sagt einem das Gefühl. Gute Lyrik ist geschmackvoll, hat einen eigenen Rhythmus, verrät nicht zu viel und malt eine Stimmung. Ich habe drei kürzere Gedichte herausgesucht, die mir außerordentlich gut gefallen: als Beispiele für das, was ich unter guten Gedichten verstehe.

Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) ist durch seinen Band Westwärts 1&2 bekannt geworden, das war 1975. Ein kleines, unspektakuläres Gedicht aus diesem wunderbaren Lyrik-Buch heißt

Über das einzelne Weggehen 

Als sie weinte, ging ich
weg, den schmalen Lehmweg
hinunter in den Ort. Eine

Wut, die still ist, trocknet
aus. Jedes Haus war aus
getrocknet, und darüber die

Milchstrasse, die ausgetrocknet
war, für mich viel zu weit
weg, um dorthin zu gehen, bis

sie ging, den einen Schuh
lose am Fuß schlenkernd, weil
der Lederriemen gerissen

war, den Berg hinunter, in
das Zimmer, wo sie stand
und wir uns anschauten.

Vor einer Woche holte ich mir Gedichte von Abdulwahab Al-Bayyati (1923-1999). Wunderbar als kleines Beispiel (übersetzt von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker)

Die Einsamkeit 

Wie ein Tropfen Regen
War ich allein
oh meine Geliebte, wie ein Tropfen Regen.
Sei nicht traurig
ich werde dir morgen den Mond
und den Morgenstern kaufen
und einen Garten voll Blumen
Morgen, wenn ich heimkehren werde
morgen, wenn der Stein hinter meinen Rippen
grüne Blätter treibt
Doch heute bin ich allein
oh meine Geliebte
wie ein Tropfen Regen.

Ein weniger bekannter Dichter ist Ernst Meister (1911-1979), obwohl er den Büchner-Preis bekommen hat, auch er nach dem Tod, wie Brinkmann nach dem Tod berühmt wurde.

Küste 

Kehr dich
zu meinem Mund
Ich sage dir
ein Schifferlied
unter die Wimpern:

Daß wir segeln
mit den Augenlidern
den Faden
er Küste entlang,
mit dem Licht im Gespräch.

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