Nackt im Wind

Ich sitze vor dem Bildschirm, es ist nach Mitternacht, und ich fühle mich an Rom im August erinnert. Dieses Wochenende herrschen in der Ewigen Stadt 40 Grad. Damals saß ich genauso da, und der Schweiß lief mir in den Bauchnabel. Ich hatte keine Klimaanlage, nur ein Handtuch neben mir. Doch die Wohnung lag am südwestlichen Rand der Stadt, 25 Kilometer waren es zum Meer, und von dort kam pünktlich um zehn Uhr abends ein kühler Wind. Eine Wohltat!

Die Hitze machte mir nicht viel aus, ich liebe extreme Temperaturen. Dennoch fühlte ich mich oft unwohl. Ich fühlte mich beobachtet und schutzlos. Es war, wie nackt im Wind zu stehen. Die Hitze hatte tausend träge Augen. Außerdem fühlte ich mich gehetzt und wollte eigentlich niemanden sehen. Also schnell zum Supermarkt, eingekauft und wieder heim. Mag sein, dass es eine leichte Form der Paranoia war, die ich seit meinen Jahren im Journalismus habe. Das ganze Leben war plötzlich dünn und sinnlos wie eine leere Plastiktüte, die am Strand liegt. Die Sonne leuchtete schonungslos alles aus.

 

Und die Stadt entvölkerte sich rapide. An immer mehr Geschäften hing ein Schild: Chiuso per ferie, 25-7 fino a 22-8. Man wusste weder warum man noch hier war, noch wohin man gehen könnte. Ja, Freiluft-Kino gab’s und Le Bon Bock Bar, meine Stammkneipe. Man konnte auch in den Abruzzen radeln, oben in den Bergen; oder man nahm einen frühen Zug (9 Uhr) zum Lago di Bracciano, umrundete ihn und war mittags wieder zu Hause. Glücklich, wer eine Terrasse hatte. Die Unglücklichen ließen die Rolladen herunter und lebten (wie Onkel und Tante) im Halbdunkel in ihren stickigen Räumen. Was machten sie? Schlafen konnten sie jedenfalls nicht.

Rom, August, Appia antica

Ich mochte aber dieses Verlorensein und dachte daran, dass im 14. Jahrhundert Rom nach einer Pestepidemie fast völlig verlassen war von Menschen, und nur im Forum Romanum hatten sich ein paar Hirten mit ihren Ziegen verkrochen. 40 Tage lang lag die Stadt da, fast ohne Bewohner. Eigentlich ein Traum, den schon Kinder haben: alleine sein, ohne Eltern, allein auf der Welt. Aber die Bedrängnis durch die Hitze betrifft alle, und einmal, in meinem Buch über die Halluzinationen in den Bergen, habe ich auch darüber geschrieben: 

»Es gibt viele Spielarten von vagen, aber gleichwohl dräuenden Gefühlen. Etwa die ›Waldangst‹, wenn man sich in menschenleeren Gegenden nicht mehr zu orientieren weiß und in Panik gerät; und natürlich die ›panische‹ Angst, benannt nach dem Gott Pan, dessen Namen man nicht aussprechen sollte. Bei der Schlacht von Platea soll die Luft von einem fürchterlichen Schrei widerhallt haben, den die Athener dem Gott Pan zuschrieben; die Perser flüchteten ungeordnet. Man nimmt an, daß von daher der Begriff ›panische Angst‹ rührt. Gerade in Mittelmeergegenden kommt an heißen Sommermittagen oft das Gefühl bevorstehenden Unheils auf.

Der polnische Literaturnobelpreisträger Henryk Sienkiewicz (1846-1916) lag einmal im Tropenspital von Sansibar und wartete auf den Dampfer aus Europa: ›Manchmal während des Tages wußte man gar nicht, woher den Atem schöpfen; gegen die Mittagszeit verfiel das Spital in Totenstille und traurige Ruhe; man hatte dann die sonderbare Empfindung, als schwebe eine Katastrophe über der Stadt – und wenn dann in dem allgemeinen Schweigen die Uhren zwölf schlugen, glaubte man, es müsse jetzt und jetzt etwas Schreckliches eintreten.‹ Jeder Mensch kennt Phasen von schwer zu definierender Unsicherheit und Angstgefühlen.«

 

 

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