Die Street Parade

Nach meinem Abenteuer mit dem »Dreamliner«, der aus dem Orient einflog, fuhr ich mit dem Rad in die Stadt Zürich hinein, denn ab halb vier würde die Street Parade beginnen, am See entlang. Einmal im Jahr gibt’s die, immer hatte ich sie verpasst. Aber nun würde ich dabeisein.

Ein Bekannter aus Rheineck ist DiscJockey und heißt, wenn ich das richtig begriffen habe, D-Jazz mit Künstlernamen. Im vergangenen Jahr habe er bei der Street Parade den Hechtplatz »bespielt«, den ganzen Abend und eine Nacht lang. Bei ihm ist die Musik immer neu, und wo hatte ich von diesem Traum eines Mannes gelesen, dass die Musik sich stets selbst erneuert? Eine Musik die nie gleich ist, die organisch sich verändert? Vielleicht fällt es mir noch ein. Es muss bei Peter Szendy gewesen sein, doch der Beitrag über den Leiter folgt erst noch.  

Ruhiges Vorspiel am Kanal

Theodor W. Adorno übrigens (1903-1969) mochte keinen Jazz, aber er kannte nicht den richtigen. Er mochte die »Neutöner« wie Schönberg und Ligeti. In der Malerei gab es den Impressionismus und die abstrakte Kunst, in der Literatur den Expressionismus, diese Rebellionen gegen das langweilige Althergebrachte, und in der Musik war dies die Zwölftonmusik, schräg und disharmonisch. Rockmusik dagegen ist eigentlich konservativ, es sind eingängige Melodien, nur eben in einem groben Kleid.

Ich fuhr am Hauptbahnhof vorbei, aus dem schon junge Menschen strömten, zu Tausenden, dann geht’s die Bahnhofstraße entlang zum See, und an diesem entlang führt die Street Parade. Erst einmal sind da Hunderttausende am Flanieren, alle jung, die Mädels sind schrill aufgemacht und zeigen an Haut, was geht, manche sind sogar Engel mit grünen und gelben oder weißen Flügeln, oder Polizistinnen sind sie, man kann es gar nicht schildern. Ich schaue Mädchen und Jungs an, wie sie einander betrachten, aber jeder ist besonders … (Tolstoi hat es geschafft, eine Schlacht zu schildern, nicht einfach, aber die Akteure sehen ja alle gleich aus.) Diese wunderbaren verkleideten Menschen sind oft bildschön, da braucht es Bilder, nicht Text. Gruppen von Menschen und Jungs, die ihren Körper orange oder grün bemalt haben, alle strömen durcheinander, manche sind schon ganz schön angetrunken, andere erleichtern sich, wo es geht, die ganze Gegend an den Kanälen riecht nach Pisse.  

Wetter super, es ist ein heiteres Fest, die Alkoholisierten sind nicht so aggressiv wie auf der Wies’n oder bei der Fasnacht, man hatte Lust, sich zu verkleiden, sich zu zeigen, seinen Körper zu zeigen, und mehr an Körper kann man in so kurzer Zeit nicht sehen. Dann nähert sich wie eine Schnecke der Festzug, nach einer Stunde ist der erste Wagen da, oben hockt der DJ, und hinten aus den Boxen dampfen seine Rhythmen herum, sie sind langsam, etwas einfältig, aber als der Wagen dann vor uns steht, scheinen Gehsteig und Straße im Bass zu hüpfen, und unsere inneren Organe hüpfen mit, und zum Glück – wir schreiben 2013 und 100 Meter weiter residiert die offizielle Schweizer Unfallversicherung Suva – verteilen medizinische Menschen Ohrenstöpsel.

Alle fangen langsam zu tanzen an, und man kann es nicht abstreiten: Der Rhythmus fährt ein, man bewegt sich von ganz alleine, das gibt drive und energy, abtanzen, und an einem Platz in Zürich morgens um zwei, wenn die Musik nicht endet, könnte man tanzen, bis einen die Schwäche umhaut, es ist ein Trance-Phänomen, aus der dunklen Vorzeit des Menschen bekannt. Heute haben wir eine voll materialistische Zeit, also zeigt man seinen Körper und bewegt ihn auch, und verhindern kann man nicht, dass der Geist mit bewegt wird, dass man ihn überhaupt hat, und er wird sich schon noch mal zeigen.  

Dort hinten, versteckt in einer dichten Menschenmenge, steckte der nächste Wagen. Bis er hier wäre, könnte es eine halbe Stunde dauern.

Darum fuhr ich ab. So viele Leute waren nie vor der Suva. Manche lächeln dich auch an.  Es ist ein tolles, friedliches Fest, diese Street Parade.

 

 

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