Das Dichten

Lessing hat mich wieder an das Dichten erinnert. 2011 habe ich ein Versepos angefangen, das so groß werden sollte wie der Parsifal, 200 Seiten, aber es gibt erst 30. Ich wollte in Reimen eine Geschichte erzählen, und wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, denke ich, klingt es ganz normal – wie im 12. und 13. Jahrhundert, als es nur Verse gab bei Dante und Wolfram von Eschenbach.

Ich weiß noch, dass ich einmal im Februar in der Nähe des Rheins war, auf der Ebene, und da gibt es auf dem Gewerbegebiet einen Flughafen, die Sonne schien, eine Maschine landete, und dann der Vers ist gut gelungen. (Unten habe ich die erste Zeile etwas verkürzt.) Jemand hört ein

Geräusch, das er nicht deuten kann, es scheint ganz
oben angesiedelt; ein Kleinflugzeug kommt von links heran
fliegt über sie hinweg und setzt zur Landung an.
Setzt auf, entfernt sich und verschwindet / in einer Wand aus Sonnenglanz.

In der Geschichte fährt Rudi, der Held, mit dem Rad und trifft am Kreisel einen alten Bekannten, der im Auto unterwegs ist.

Der Wind von vorn, es geht nach Norden
Wo wir ihn jedoch lassen, da wir fliegen weiter
Wo grad ein Auto kommt von der A5, und heiter
sagt Beat, der Fahrer, zu Jacques, dem Mann an seiner Seite:
Schön ist diese Fahrt geworden.
Schau an, wie toll das, dort der Schwarzwald sanft am Horizont.
Sie biegen mit dem alten weißen Volvo in den Kreisel ein,
zweihundertsiebzig Grad
Beträgt die Runde, bevor sie Richtung Hartheim diesen Kreisel lassen und ein Radler hat
Sich auf dem Radweg neben sie gesetzt, man sieht ihn gut, denn alles ist besonnt.
Jacques, unser Beifahrer, kurbelt spontan die Scheibe runter und ruft Den kenn ich doch!
Sie fahren parallel, er schreit: He Ritter, Held, bleibt stehn! und Rudi noch
Begreift es nicht, dann schaut er endlich hin und stutzt, und beide halten an.
Und Jacques steigt aus, und Rudi runter von dem Ross, er ruft Oh Mann,
Jacques Knechtle, ach, ich fass es nicht, in Freiburg bei der Zeitung waren wir
Vor dreißig Jahren, was machst du denn hier?

So sinken sich die beiden in die Arme. Beat ist gerührt
Und steigt auch aus. Zwei alte Freunde, und der Zufall hat zusammen sie geführt.
Gut siehst du aus, mein Rudi, lobt der Schweizer ihn.
Ich dachte, du wärst noch in Rom. Und jetzt… Er lacht.
Rudi schaut lang. Denk dir, ich war lange in der Schweiz. Das
hättest du wohl nicht gedacht.
Doch jetzt – da hinten. Er deutet mit der Hand. Und du – in Wien
beim ‚Standard’, dachte ich. – Schnell rausgeflogen, dann
die Wirtschaft, Geld, PR, und nun schon lang in dem Konzern,
der hundert Supermärkte hat, und manchmal schließt man
welche gern,
und deshalb, leider, bin ich hier, das gehen wir ab morgen an.

Ein Abwickler! staunt Rudi. Ach, so ist das Leben. Wo bleibt ihr über Nacht?
In Buggingen, Hotel nah an der Halde, mischt sich Beat nun ein.
Das kenn ich, sehr romantisch, das ist fein
Sagt Rudi. Jacques fragt: Kommst du zum Essen? So um
acht?
Rudi stimmt zu. Sie trennen sich. Der Volvo röhrt
Über die Ebene, der Radler tritt in die Pedale.
Der Himmel blau. Schon viele Male
Hat er des guten Jacques gedacht. Den stört
nun ein Geräusch, ein Brummen, und es scheint ganz
oben angesiedelt; ein Kleinflugzeug kommt von links heran
fliegt über sie hinweg und setzt zur Landung an.
Setzt auf, entfernt sich und verschwindet / in einer Wand aus Sonnenglanz.

Auch Rudi sieht das Flugzeug sachte niederschweben,
denkt an die Fernreisen mit Chiara, dieses abgetrennte Leben
auf fernen Kontinenten, in der Hitze, im Monsun;
er träumt nun etwas, lässt die Beine ihre Arbeit tun.

 

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