Henri Bergson

Bei der Suche nach den beiden chilenischen Literatur-Nobelpreisträger stieß ich in meinem 991 Seiten dicken Buch Ruhm und Ehre auf eine Rede des Preisträgers von 1927, Henri Bergson. Er lebte von 1859 bis 1941 und sprach vor der Society for Psychical Research in London, die ihn zum Präsidenten gewählt hatte. Der Titel: Geistererscheinungen und psychische Forschung. Gehalten wurde die Rede am 28. Mai 1913, also vor etwa hundert Jahren.

Bergson hat auch das Buch Zeit und Freiheit geschrieben (1911), das ich für mein Zeit-Buch nicht gelesen hatte. Man kann ja nicht alles mitkriegen. Jedenfalls: Bergson sagt in London, er fühle sich geehrt, in den Vorsitz der Gesellschaft berufen worden zu sein. Er sagte dann: »Leider habe ich diese Ehre nicht verdient.« Gleich geht er auf die Kritiker ein; die Parapsychologie ist ja immer angegriffen worden, bis auf den heutigen Tag.  

Bergson erwähnt ein beliebtes Argument gegen Psi-Phänomene: Nur die überzeugenden Fälle, die »echten« Fälle kommen an die Öffentlichkeit; aber es gibt vielleicht zehn Mal mehr Fälle, in denen sich eine Vision als falsch erwies (die »falschen« Fälle); und von denen erfährt man nichts. Bergson dazu: »Ich kann mit dem zahlenmäßigen Vergleich der ›echten‹ und ›falschen‹ Fälle nichts anfangen; die Statistik hat hier nichts zu suchen; der einmalige Fall, den man mir vorführt, genügt mir, sobald ich nur alles erwäge, was er enthält.« 

Das ist richtig. Die englischen Forscher haben, nach Art der Wissenschaft, ihre Phänomene definiert. Aber jeder einzelne Fall liegt anders, und keiner kann so lückenlos dokumentiert werden, dass die Kritiker zufrieden sind. Denn wir sind ja von Zeugenaussagen abhängig, und Menschen sind keine Maschinen. Bergson sagt: »Wenn die Telepathie eine wirkliche Tatsache ist, so ist sie auch unbegrenzter Wiederholung fähig.« Die Wissenschaft möchte die Wiederholbarkeit: Ein Ball rollt eine schiefe Ebene in Perugia genauso hinunter wie in Sydney. Aber ein telepathisches Ereignis ist immer anders, Gesetze haben wir noch nicht herausschälen können, weshalb man von unbegrenzter Wiederholung nicht sprechen darf.  

Aber Einzelfälle kann man untersuchen und behaupten, dass etwas, das fünf Mal passierte, eben auch 500 Mal passieren kann und immer. Eine Regel kann ich daraus nicht ableiten. Darum ist die Parapsychologie in ihren besten Arbeiten »anekdotisch« verfahren, hat also mit Einzelfällen gearbeitet, und sie sind auch unterhaltsam.   

Damals sprach man gern von parallelen Vorgängen zwischen Gehirn und Geist (Bewusstsein). Das Verhältnis zwischen beiden ist noch ungeklärt, aber sicher ist das Bewusstsein kein Anhängsel oder Duplikat des Geistes, denn ein solches »wäre längst aus dem Weltall verschwunden, falls es je darin aufgetaucht wäre«.  

Schön sagt Bergson: »Die Gehirnphänomene sind für das geistige Leben in der Tat das, was die Gesten des Kapellmeisters für die Symphonie sind: sie zeichnen davon die Bewegungsansätze und sonst nichts. Vom höheren Wirken des Geistes würde man also in der Gehirnrinde nichts finden. Das Gehirn hat außer seinen sensorischen Funktionen keine andere Aufgabe, als im weitesten Sinne des Wortes das Leben des Geistes mimisch darzustellen. (…) Je mehr wir uns an die Vorstellung eines über den Organismus hinausgehenden Bewusstseins gewöhnen, desto natürlicher erscheint es uns, dass die Seele den Körper überlebt.« 

Am Ende seines Vortrags findet Henri Bergson noch eine geglücktes Bild, gemünzt auf die Skeptiker. Man solle sich vorstellen, es gebe fern von uns eine Zivilisation, die (damals) weiter entwickelt war, etwa Amerika. Dann hätten europäische Fischer schon vor 200 Jahren Dampfschiffe sehen können, und sie hätten davon berichtet. Niemand hätte ihnen geglaubt. Man hätte ihnen je weniger geglaubt, desto gelehrter man gewesen wäre.

Er schließt mit den Worten: »Lassen Sie uns mit vorsichtiger Kühnheit (…) vorwärts schreiten, stoßen wir die falsche Metaphysik, die uns dabei hemmt, vom Thron, und die Wissenschaft von der Seele wird Ergebnisse zeitigen, die alle unsere Erwartungen übertreffen.« 

Das ist eigentlich eingetroffen, aber vor hundert Jahren glaubte man noch, dass sich die Wahrheit durchsetzen wird. Dass es ganz einfach ist, sie zu ignorieren, hätte man sich nicht vorstellen können.

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