Der Kalif

Ich nahm menschliche Gestalt an, erfand mir einen goldenen Volvo und fuhr nach Landsberg am Lech, um mit Freunden und überhaupt mit ganz normalen Menschen zu reden. Wie der Kalif Harun ar-Raschid wollte ich wissen, wie es um das Land stand, in dem ich lebe, da ja eine Wahl anstand, wie ich nicht umhin konnte zu bemerken.

Der Kalif hat ja keine gesetzgebende Gewalt, er ist der Nachfolger des Propheten. Es hat aber im Orient im Mittelalter immer wieder Sultaninnen gegeben, wie Fatema Merinissi in ihrem Buch Die Sultanin schreibt. Ich hatte eine Diskussion mit der Sultanin dieses Landes und ihrem Herausforderer gesehen, in dem die Machthaberin sagte, alles sei in Ordnung. Meine Gespräche rückten das in ein etwas anderes Licht, und nur drei Beispiel daraus. 

Eine Frau hatte in einem Zeitungsverlag gearbeitet. Sie waren fünf in ihrer Abteilung. Der Chef und der Unterchef verloren ihre Arbeit. (Während der Chef zum Gespräch beim Oberchef war, räumte man ihm das Arbeitszimmer leer.) Es waren Leute mit 100000 bis 150000 Euro Jahresgehalt. Da hatte man prächtig etwas eingespart. Als aber die anderen Mitarbeiterinnen ein paar hundert Euro mehr wollten, weil sie ja die Arbeit der beiden anderen mit erledigen mussten, erfuhren sie, das sei wohl normal, die Arbeit mitzumachen (und sie hörten heraus: Wenn Sie nicht wollen, macht das gern jemand anders.). Die Frau erzählte, dass die Löhne immer niedriger würden. Nach unten gibt es noch eine Grenze, nach oben kaum mehr.  

Ein freiberuflicher Unternehmer beklagte sich über die Ärzte. Er müsse immerzu Angebote abgeben und darum kämpfen, und man möge sich einmal vorstellen, man habe Zahnschmerzen und sage dem Zahnarzt: Kommen Sie doch mal vorbei. Der Arzt kommt und sieht sich den Zahn an und entwirft einen Plan, gibt ein Angebot ab. Zwei andere Zahnärzte geben ihr Angebot ab . Dann kommt er nochmal und erläutert die Vorzüge seines Angebots, bis der Patient sich entscheidet.

Man wolle ein gesundheitliches Gutachten für einen Lastwagenfahrer, das dauere drei Untersuchungen und fünfzehn Minuten und koste 150 Euro. Hausärzte verdienen im Durchschnitt 14000 Euro im Monat, und Studiengebühren gibt es kaum. An 13 von 36 Unis zahlt (Stand März 2011) Student/Studentin der Medizin 500 Euro im Semester, also 100 Euro im Monat. Die Allgemeinheit zahlt also sehr weitgehend für die Ausbildung der Ärzte, die dann reich werden. Fachärzte werben in Plakataktionen für sich, weil Hausärzte derzeit bevorzugt werden. »Sie werden mich vermissen!« wird da gedroht. Die Wartezimmer sind voll, die Ärzte haben keine Zeit und klagen dauernd – werden aber reich. Sie sind ein mächtiger Clan.  

Ein Platz in einem Heim kostet für einen armen alten Menschen im Monat manchmal 3000 Euro, aber man hört auch Summen wie 3400 Euro oder 3800 Euro. Das Pflegepersonal bekommt für seine harte Arbeit wenig. (Und in Krankenhäusern wird am Personal gespart. Man denkt sich: Eines der reichsten Länder der Welt! Wenn man hier in der Klinik nicht gut behandelt wird, wo denn dann? Was soll denn der Wohlstand, wenn er nicht für das Gute verwendet wird?) 3800 Euro im Monat also. Wohin geht dieses Geld? Nicht zu den Pflegekräften.  

Da hat man für gigantische Kosten die Medizin verbessert und den Menschen ein längeres Leben beschert, doch die paar Jahre, die sie bettlägerig und halb besinnungslos noch mitkriegen, fressen alles auf, was sie je verdient haben und das Geld ihrer Kinder. Natürlich sollen sie leben, aber irgendwie ist da etwas aus dem Ruder gelaufen.  

Wer findet, dass in diesem Land alles in Ordnung ist, kann die Union wählen oder die FDP, und auch wer Angst vor Veränderungen hat, kann das tun. Aber wer arm ist und wenig Gehalt bekommt, warum sollte der CDU oder CSU wählen? (Gut, sie jubeln auch den Fußballspielern zu, die eine Million im Monat bekommen.) Warum sollte man nicht alles etwas durcheinanderwerfen? Wenn ich so überlege, finde ich, man sollte die Linke wählen. Das habe ich auch getan. Spaß muss sein.

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