Un-autonom

Hier auf dem Land geht es schon zu wie in Italien: Kaum einer erledigt Alltagsbesorgungen mit dem Rad. Man hat sich vom Auto abhängig gemacht, und das ist Auto-Dependenz. Autonomie, das wäre wichtig: mehr Freiheit von Geräten und Computern und Daten.

Da las ich einem Buch von Howard Spiro den Satz: »Moderne Therapien haben zu vielen Ärzten, die ohne ihre Hochtechnologie völlig hilflos dastehen, das Gefühl gegeben, bloße Vermittler von Macht, Pillen und Verfahren zu sein.« Da dachte ich an vieles, etwa an den Banker, der in der FAZ sagte, er habe keine Lust mehr, Kunden Geldanlagen zu verkaufen, weil ohnehin der Computer alles mache; er fühle sich sei entmündigt. 

Programme übersetzen schon Texte, irgendwann werden sie simple Pressetexte erstellen können, und das Interessante daran ist ja, dass man nie mehr das Argument hört, damit würden Leute von öden Tätigkeiten entlastet und könnten sich kreativerem Tun zuwenden. Nein, es geht immer ums Sparen und Einsparen von etwas. Ist es der Mensch nicht wert, dass man ihm die besten Bedingungen schafft? Nicht einmal hier geht das, und wo sollte es sonst gehen? 

Ich dachte auch an einen Beitrag von Harald Walach in seinem Blog, in dem er über die Auswüchse der Qualitätssicherung in England berichtete. Zu viele Menschen starben in Krankenhäusern, man rief eine Kommission ins Leben, die für Millionen herausfand, die Todesfälle seien vermeidbar gewesen, hätte man mehr Personal eingesetzt. Und Walach folgert messerscharf, hätte man die Ausgaben für die Kommission für mehr Personal verwendet, würden einige Menschen noch leben.  

Diese Unmenschlichkeit wird gar nicht als solche gesehen. Die Menschen im System werden durch die Apparate beherrscht und reagieren reflexhaft. Sie sind immer abhängiger von Formeln und Verfahren und als Einzelwesen weniger fassbar. Sie haben ihren Mut und ihre Zivilcourage verloren. Vieles passt dazu. Es sagte (wiederum in der FAZ) eine interessante Frau, ein 68-jähriges Model, das seit vier Jahrzehnten die Modeszene kennt, in den 1990-er Jahren seien Models noch Persönlichkeiten gewesen, und sie nannte Claudia Schiffer.  

Überall gibt es Promis, aber die wenigsten sind Persönlichkeiten. Die Leute haben immer mehr Angst, etwas falsch zu machen, die soziale Regeln werden immer rigider, je weniger Menschen autonom sind und je eilfertiger sie ja und amen sagen. Eine gewisse Gleichgültigkeit diesem Leben da draußen würde Wunder wirken. Aber alle schleichen irgendwie eingeschüchtert herum oder schauen auf ihre kleinen Geräte, von denen sie schon die Jüngsten abhängig sind. 

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