Das literarische Jetzt

Die Kritische Ausgabe in Bonn, ein Kollektiv junger Autoren an der Universität, hat ihr 25. Heft herausgebracht: # 25 Jetzt. Mit dem Jetzt ist das literarische Jetzt gemeint, aus dem wir Ausschnitte geboten bekommen. Das schließt gut an meine Beschäftigung mit der Zeit an, in der ein Kapitel auch dem Jetzt gewidmet ist.

Der Verantwortliche heißt crauss, der Autoren und Themen sind viele. Für 6 Euro gibt es richtig gut was zu lesen, und es macht auch Spaß. Große Schwarz-Weiß-Bilder als Illustrationen, ein Gespräch zwischen Florian Neuner und crauss, Rezensionen und Romanauszüge – man fühlt sich bereichert und lernt etwas, auch wenn man nicht ein großer Freund der Nabelschau ist. Aber wer etwas mit Leidenschaft betreibt, geht der Sache leidenschaftlich auf den Grund. Über Literatur kann man nicht genug nachdenken, und hier tun das Autorinnen und Autoren, die zwischen 25 und 40 Jahre alt (jung) sind.  

Ich war ja unlängst in Berlin, und da will ich gleich einen Satz aus dem Heft zitieren: »Politische Gedichte schreiben und veröffentlichen in unserer Stadt Berlin – ohne dass sie die Bezirke damit gleich erobern werden – nur wenige coole Arbeiterinnen und Arbeiter; zu ihnen gehören Elke Erb, Mara Genschel, Christian Filips, Catherine Hales, Simone Kornappel, Tom Bresemann, Ursula Krechel, Katharina Schultens, Ulf Stolterfohr, Georg Leß, Richard Duraj und Norbert Lange.« Das sind schon einmal Namen, nach denen man Ausschau halten kann, und Mara Genschel und Norbert Lange werden in der Germanistik-Zeitschrift der Kritischen Ausgabe näher vorgestellt. 

Mara Genschel veröffentlicht ihre Arbeiten selber. Da schreibt Tobias Amslinger: »Sie ist der Antitypus zu jenen erfolgreichen Autorinnen und Autoren, die in der Lage sind, Zeitgeistthemen aufzugreifen und geschickt in marktfähige literarische Produkte zu verwandeln; die sich in Pose werfen vor Kameras und die Feuilletons mit Erlebnisberichten von Buchmessen und Familienfesten unterhalten.« Gut zu wissen, dass es eine kleine Gegenbewegung gibt. Ich bin ja selber unzufrieden mit der ganzen Szene und immer deprimiert, wenn ich in meiner Buchhandlung in neuen Romanen herumblättere: Da funkelt und strahlt nichts, das ist einfach bieder.  

Darum las ich gern, was Florian Neuner in seinem Gespräch mit crauss sagte: »Interpersonal-interaktionistische Fiktionen sind die veralteten Erzählmodelle … Damit gemeint ist das banal-realistische Modell, das vermittels einer ›exemplarischen‹ Personenkonstellation Geschichte &/ oder Gegenwart … zu fassen kriegen möchte.« Er zitiert dann noch Jochen Schimmang: »Was sich durchgesetzt hat, geradezu flächendeckend und alles andere verdrängend, ist ebenjenes mehr oder weniger formal raffinierte Erzählen, das Ende der siebziger Jahre mit dem Stoßseufzer ›Es wird wieder erzählt!‹ begrüßt worden ist und anschlussfähig an die deutsche Literatur der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte war.« 

Dem müssen wir etwas entgegenhalten. Das Heft 25 der Kritischen Ausgabe ist ein wichtiger Beitrag dazu und hätte eigentlich ein ausgedehnteres Lob verdient. Vielleicht komme ich noch einmal darauf zurück.          

 

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