Die zweite Chance

Ich las das Buch Das Land der zweiten Chance, um es für cycling4fans zu rezensieren. Geschrieben hat es der englische Reporter Tim Lewis, und er schildert den aufstrebenden Radsport in dem kleinen ostafrikanischen Staat Ruanda. Auf gute englische Art erzählt Lewis die Sache, wie sie ist und verhehlt auch nicht, dass es nicht so einfach ist mit einer zweiten Chance …

Erschienen ist das Buch kürzlich beim Verlag Covadonga in Bielefeld. In Ruanda gab es 1994 einen Genozid: Kommandos der Hutus, die mit 85 Prozent die Bevölkerungsmehrheit stellen, metzelten Tutsi nieder. 800000 Menschen wurden zerhackt oder erschossen, das waren 10 Prozent der  Bevölkerung. Doch dank Präsident Paul Kagame und einer auf Versöhnung ausgerichteten Politik begann das Land wieder zu blühen. Der Millionär Tom Ritchey kam, ließ Räder für Kaffeebauern bauen und gründete ein Radsportteam. Adrien Niyonshuti fährt heute beim südafrikanischen Team MTN-Qhubeka, Ruandas Radsport nahm einen Aufschwung.  

Tim Lewis hätte, wie er selber sagt, die Geschichte mit der Teilnahme Adriens am Moutainbike-Wettbewerb der Olympischen Spiele 2012 in London schließen und andere Probleme verschweigen können, dann wäre es ein Märchen gewesen. Kagame, der beliebte Präsident, wurde immer selbstherrlicher und unterstützte anscheinend eine bewaffnete Truppe, die in den Kongo eindrang. Die internationale Gemeinschaft reagierte und fror Zuschüsse ein. Der Aufschwung geriet ins Stocken.  

Die Räder für die Kaffeebauern waren teuer, aber sie halfen den Bauern, schneller ihre Ernte wegbringen zu können. Doch das Hauptproblem war: Ersatzteile fehlten. Gerade die Verschleißteile wurden vermisst. Ein Fachmann sagte, bei der Hilfe für arme Länder wollten alle immer nur für Hardware zahlen und sehen, wofür ihr Geld benutzt wird: für ein Rad oder einen Brunnen. Niemand kümmert sich dann um die Wartung und wie es weitergeht. (Riesige Fabrikanlagen stehen in Wüsten, weil Teile fehlen.) Niemand zahlt gerne das Gehalt für einen Funktionär, der wichtig wäre. Das schöne Kaffeebauernrad-Projekt scheiterte. (Illustration: Kenianische Radler, 2003.)

Und Trainer Boyer, der sechs Jahre lang das Ruanda-Team betreute, wechselte zu einer anderen Mannschaft. Er war frustriert. Man kann in Afrika nicht Disziplin und Motivation erwarten. Afrikaner sind nicht individualistisch und erfolgshungrig wie wir. Man braucht sehr viel Geduld und Menschenliebe. Jedenfalls lernen wir bei Tim Lewis (und beim Leben), dass zweite Chancen und gut gemeinte Projekte schön sind. Aber sie sind nur ein Anfang. Will man wirklich Afrikaner zu Europäern umpolen? 

Man merkt ja bei sich selber, wie schwer es ist, eingefahrene Verhaltensweisen zu ändern. Da kommt jemand und sagt: Hey, mach das so! Zehn Jahre lang hast du es anders gemacht, und jetzt willst du dich überzeugen lassen, dass es anders wirklich besser ist. Das klappt nicht von heute auf morgen und vielleicht nach zehn Jahren erst.

Ein Kommentar zu “Die zweite Chance”

  1. Renate Frank

    ich habe es grade bestellt :)

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