Reinlichkeit (2)

In Landsberg am Lech wird viel gebaut. Wo früher Kasernen der Franzoien standen, erhebt sich heute ein neues Mini-Stadtviertel, und 100 Meter weiter, oben auf dem »Kasernenberg«, einer kleinen Anhöhe nur, geht es nun weiter. Ein neuer riesiger Riegel mit viel Glas steht da, mit Blick über die Stadt, und dahinter kleinere weiße Kuben mit Gärten und großen Fenstern für glückliche Kleinfamilien.

Meine Mutter und ich sind da eines frühen Abends bei Einbruch der Dämmerung umhergewandert. Die Wohnungen sind noch nicht alle bezogen. In einer Küche stand eine junge Frau; ihr blasses Gesicht hing direkt hinter der Scheibe. Wir gingen um das Anwesen herum, und da stand ein kleines, vielleicht 4 Jahre altes Mädchen neben Stofftieren, die größer waren als es selber, und die Kleine sah aus dem Fenster und zu uns her. Das sind dann die glücklichen Familien. Später würde dann Papi heimkommen und fragen, was sie gemacht habe und ob es ihr gut gehe; und seiner Frau würde er, vor dem Abendessen, etwas aus der Firma erzählen, und später: fernsehen. 

Das, was ich Riegel nenne, ist ein langgestrecktes Gebäude entlang der Augsburger Straße mit noch zu füllenden Räumen für Geschäfte im Erdgeschoß, und oberhalb, auf der ganzen Breite dunkel verglast, liegen anscheinend weitere kleine Wohnungen. Wenn man an dem neuen Riegel vorbeigegangen ist, stößt man auf ein Stück Brachland mit einem flachen, baufälligen Holzhaus. Dahinter und daneben stehen Gartenstühle. Es sieht unbelebt aus, war aber früher das Vereinsheim des Eishockeyklubs EV Landsberg (unten, in Sichtweite, liegt das Sportzentrum).

Da wurde vermutlich früher diskutiert, getrunken und geraucht, und bei schönem Wetter saßen die Fans mit Bierflaschen im Freien. Nun wird natürlich diskutiert: Auf diesen Platz könnte man noch ein neues Gebäude hinstellen. Weg mit dem Holzhaus! Für den Klub kann man ja einen Raum im Sportzentrum freiräumen. Alles soll dem Verdienst dienen. Das ist weltweit so. Die Schmuddelecken verschwinden. Gut so! werden viele sagen. Aber ich finde es traurig. Es ist alles so clean geworden, so steril. So leblos.

Im neuen Riegel gibt es schon einen Atemtherapeuten. Weiter unten fiel mir das Geschäft »Flow: Körper Geist Seele« auf. Man fühlt sich wie ein Marsmensch auf fremdem Territorium. Was wohnen hier für Leute? Sie haben es schön und reinlich, schöner kann es nicht sein, und vielleicht erwacht da der Wunsch, etwas für seine Seele zu tun, die einem inmitten der weiß gestrichenen Wände schmutzig vorkommen mag. Könnte man abends mal hinübergehen ins Vereinsheim, bei Musik ein Bier trinken und ein paar Zigaretten rauchen und sinnlos über Eishockey reden, wäre die liebe Seele vielleicht zufrieden und würden sich freuen, danach wieder zu Hause zu sein, wo es reinlich ist und niveauvoll.

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