Besessen von Chand Kor

Ethnographische Berichte von Forschern, vor allem über psychische Krankheiten, lese ich gern. Vielleicht wäre ich ein guter Psychiater geworden? Ein Aufsatz beginnt so: »Die Besessenheit einer Person durch einen Geist, was zu körperlicher oder geistiger Krankheit führt, ist in Indien weit verbreitet.«

Der Beitrag stammt von Stanley A. und Ruth S. Freed, die von 1957 bis 1959 in dem Ort Shanti Nagar nördlich von Neu Delhi Feldforschung betrieben (abgedruckt in Magic, Faith, and Healing, Hg. Ari Kiev, 1964). Der Fall von Daya schien ihnen interessant. Die 15-Jährige hatte soeben geheiratet und war zur Familie ihres Mannes gezogen. Die Forscher plauderten mit Familienangehörigen, während Daya an ihrer Nähmaschine arbeitete. Plötzlich beklagte sie sich über Kälte, musste sich niederlegen, fing zu zittern an und sprach mit veränderter Stimme.  

Frauen sprachen mit dem »Geist«, der den Namen »Chand Kor« angab, man gab Daya Salz zwischen die Finger, legte ihr ein blaues Band um den Hals, entzündete Räucherwerk und schickte dann, später, nach zwei Schamanen aus einem Nachbarort, die den Geist vertreiben würden. Später gelang es Ruth Freed, mit der Hilfe eines Übersetzers sich mit dem Mädchen zu unterhalten. 

Versteckt (Rolf Hannes)

 

Ihre Familie hatte im Heimatort Prestige besessen, ihre neue Familie war landlos und arm. In Shanti Nagar musste sie sich bedecken, durfte nicht alleine aus dem Haus und fühlte sich alleine, obwohl ihr Mann rücksichtsvoll war. Trotzdem hatte sie Angst vor ihm, und dann erzählte sie die Geschichte von Chand Kor. Dieses Mädchen kam schwanger zu ihrem neuen Ehemann, der sie zurückschickte. Der Vater war wütend und befahl ihr, in einen Brunnen zu springen, was sie auch tat.  

Eine andere Freundin, Santara, hatte Verkehr mit ihrem Lehrer; es gab viele Gerüchte über zudringliche Lehrer in Shanti Nagar. Die Geschichte kam heraus. Der Vater brachte Santara einige Nächte danach in die Felder, tat ihr sexuelle Gewalt an, schnitt ihr die Kehle durch und warf sie in einen Brunnen. Später daraufhin befragt, sagte er, er habe alle Rechte der Welt, mit ihr zu tun, wozu er Lust habe. Er wurde nie bestraft. Anscheinend ist diese schändliche Tat eine Art »Zurückholen« der Tochter und einen rituelle Bestrafung, wie es auch im Fall von Banaz war.   

Daya gab zwar später an, ein weiterer Geist namens Prem beherrsche sie, doch vermutich wollte sie damit nur Chand Kor verschleiern; das Schicksal dieses Mädchens bewegte sie, und durch den Geist drückte Daya sich aus.  

Laut der Statistiken, Anfang Januar von La Repubblica erwähnt, wird in Indien alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt. Ein Jahr zuvor war die 23-jährige Nirbhaja von sechs Betrunkenen sexuell missbraucht worden und starb an ihren Verletzungen. Im Jahr 2012 wurden 1439 Vergewaltigungen angezeigt. Man fragt sich, ob in Indien der femminicidio, der Mord an Frauen, am Zunehmen ist – es zeigt jedenfalls die Grenzen ihrer Freiheit.

 

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