Hell und Dunkel

Licht und Dunkelheit– das kann uns noch lange beschäftigen. In allen Weisheitslehren spielt das eine Rolle. Das chinesische Buch der Wandlungen, das I-Ging, ist eines der wichtigsten Werke aller Zeiten. In ihm ist, wie der Übersetzer Richard Wilhelm schrieb, »die reifste Weisheit von Jahrtausenden verarbeitet«.

Paragraph zwei lautet so: »Die heiligen Weisen vor alters machten das Buch der Wandlungen also: Sie wollten den Ordnungen des inneren Gesetzes und des Schicksals nachgehen. Darum stellten sie den SINN des Himmels fest und nannten ihn: das Dunkle und das Lichte. Sie stellten den SINN der Erde fest und nannten ihn: das Weiche und das Feste. Sie stellten den SINN des Menschen fest und nannten ihn: die Liebe und die Gerechtigkeit. Diese drei Grundkräfte nahmen sie zusammen und verdoppelten sie. Darum bilden im Buch der Wandlungen immer sechs Linien ein Zeichen.« 

Balance (Rolf Hannes)

Beim Menschen ist die Liebe das lichte Prinzip, die Gerechtigkeit das dunkle. In der jüdischen Kabbala, die freilich ziemlich jung ist (aus dem 13. Jahrhundert) gibt es den Pfeiler der Liebe und den der Gerechtigkeit. Seltsamerweise erstreckt sich der Pfeiler der Liebe vom männlichen Prinzip (Chockmah oder Geist, der sich verströmt) nach unten mit Chesed und Netzach; der Pfeiler der Gerechtigkeit beginnt beim Empfangenden, Binah, und umfasst Geburah und Hod. Denn der Geist braucht Form, um sich materialisieren zu können, und das Weibliche-Empfangende gibt ihm diese Form. Liebe braucht ein Objekt. An ihm beweist sie sich.  

Man könnte statt Liebe und Gerechtigkeit auch sagen: Erbarmen (Gnade) und Strenge. Das Erbarmen des Schöpfers geht immer seiner Strenge voraus, heißt es im Koran. Der erste Teil der ersten Sure (Fatiha) heißt: Im Namen Allahs, des Gnädigsten, des All-Erbarmers. Im Christentum wurde Gott erst spät zum Gott der Liebe, nachdem er im Alten Testament der Gott der Strenge gewesen war. Aber beides ist nicht voneinander zu trennen, wie man auch Körper und Geist nicht trennen sollte und kann. Liebe ohne Festigkeit ist konturenlos und folgenlos.

 

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