Gründonnerstag

Auf einer christlichen Internetseite über das Osterbrauchtum steht, der heutige Gründonnerstag heiße seit dem 12. Jahrhundert so und bezeichne den Tag der Einsetzung des Abendmahls. Der Name grün sei von gronan abgeleitet: weinen. Damit seien die Tränen der Büßer gemeint, die nach langem Sühnen wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen wurden.

Auch mir traten Freudentränen in die Augen – denn gerade hatte ich einen Beitrag über das Weinen schreiben wollen und ihn mir für Ostersamstag (übermorgen) gedacht. Also erfuhr ich, dass der Beitrag heute gewünscht wird. 

Plakat zum Film „Bamako“ (2007) von Abderrahmane Sissako

Erst einmal stelle ich fest, dass ja auch den wichtigen schmotzigen Dunschtig in der Fasnacht gibt, der in Bayern lumpiger Donnerstag heißt; der Donnerstag ist eigentlich auch ein Tag des Herrn, gewidmet dem Donnergott Thor (Thursday), der auch Jupiter hieß (jove auf Lateinisch), darum giovedì auf Italienisch und jeudi im Französischen. Der Ethnologe Paul Stoller schrieb einmal, sein erster Zauberlehrer Djibo habe ihm verraten, dass an Donnerstagen die Geister unserer Welt besonders nahe seien.  

Wie kam ich aufs Weinen? Ach ja, ich las Gedichte des bekanntesten mystischen afghanischen Poeten Mulla Aeabd-ur Rahman. Er war ein Derwisch, der wohl zwischen 1650 und 1750 abgeschieden in seinem Dorf im Peschawar der Kontemplation lebte, gern reiligiöse Lieder hörte, und seine Freunde fanden ihn gewöhnlich in Tränen aufgelöst vor. Er soll so viel geweint haben, dass sich seine Wangen entzündeten. »Mein Weinen um den Geliebten hat jedes Maß überschritten, / Doch der Verehrte bleibt beim Anblick meiner Tränen ungerührt.« 

Vorher hatte ich oft den Song Bring Me Home von dem jüngsten Album von Sade Adu, Soldier of Love, gehört. »I’ve cried for the lives I’ve lost, / like a child in need of love / I’ve been so close but far away of God. / My tears flow like a child’s in need of love / I’ve cried the tears.« Hier ist eine Live-Aufnahme mit der Band aus dem Jahr 2011.  

Und da war noch etwas über das mystische Weinen im Judentum … und tatsächlich fand sich die Stelle unter meinen Papieren. Sie ist aus dem Aufsatz Mystical Techniques (1988) von Mosche Idel. Es gibt eine Verbindung zwischen dem Weinen und paranormalen Erfahrungen. Wer einen Friedhof besuchte, konnte, wenn er dabei weinte, eine Vision haben. Levi Berukhim schrieb: »Bringe dich zu bitterem Weinen, lass deine Augen Tränen vergießen, und je mehr du weinen kannst, um so besser. Und weine immer weiter, öffne die Schleusen deiner Tränen, und die Tore des Übernatürlichen werden sich für dich öffnen.« 

Der Mystiker fragte, wer ihm die Geheimnisse der Torah entdecken könne, und dann »weinte er und steckte seinen Kopf zwischen die Knie und küsste den Staub.«

 

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