Vermisste Italiener

Anfang dieses Jahres ist in Italien eine Sondereinheit aus 20 Beamten aufgestellt worden, die vermisste Personen aufspüren helfen soll. Ende 2013 wurden 29.000 Menschen vermisst: 10.000 Italiener und 19.000 Angehörige anderer Nationen. Etwa 13.000 sollen minderjährig sein, schrieb die römische Zeitung La Repubblica in einem Bericht Ende März.   

In Deutschland wurden im Jahr 2007 6.400 Personen vermisst, und angeblich verschwinden jedes Jahr auch bei uns jedes Jahr 13.000 Minderjährige – aber nicht auf Dauer, neun von zehn Fällen klären sich innerhalb eines Jahres. Die Vermissten Italiens … Seit Jahrzehnten läuft im dritten Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens die Sendung Chi l’ha visto? (Wer hat sie gesehen?), die ein wenig an die frühere Sendung Aktenzeichen XY – ungelöst erinnert. Zu meiner Zeit in Rom verfolgte ich sie andächtig, aber wohl wegen der blonden, melancholischen Daniela Poggi, die durch die Sendung führte. Heute ist es eine andere Frau.

Vittorio Piscitelli heißt der »außerordentliche Kommissar der Regierung für verschwundene Personen«, und ihm bereitet Sorge, dass die Zahl der Verschwundenen in einem Jahr von 26.000 auf 29.000 angestiegen ist. Die meisten verschwänden freiwillig, auch die ökonomische Situation habe dazu beigetragen, doch auch Frauen auf der Flucht vor ihren gewalttätigen Partnern seien darunter. Aber Piscitelli gibt auch zu, dass von den 26.000 Personen, die im Jahr 2012 als vermisst gemeldet waren, nur noch 3.000 fehlten; das passt zur Statistik, dass nach einem Jahr 87 Prozent der Fälle gelöst sind.  

Es gebe viele kranke, einsame oder psychisch gestörte Personen, die sich entfernten, erklärte Piscitelli, aber es gebe auch die ausländischen Kinder, die versuchen, nach Hause zu gelangen, und es gebe die Frauen, die Opfer eines Verbrechens würden. Alzheimer-Kranke sollen ein Gerät bekommen, das sie im Fall ihres Verschwindens lokalisieren hilft. Es bleibt das Problem der illegalen Immigranten, deren Identität oft ungeklärt ist. Immerhin sind zwei Drittel der Verschwundenen Ausländer. Man will überhaupt mit einem Projekt an der Universität Mailand die Gründe für das Verschwinden von Menschen klären.

Jedenfalls bewegt das Thema der Verschwundenen Italien weitaus mehr als Deutschland. Italien ist und bleibt das Land der Familie, der grande famiglia, und man ist anscheinend seit vielen Jahren fassungslos darüber, dass Menschen freiwillig ihre wunderbare Familien, ihren zauberhaften Wohnort und dieses göttliche Land verlassen können. Das kann doch nicht normal sein!

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