Walaceks Traum

Da gibt es einen schön lyrischen und anspruchsvollen kleinen Roman über Fußball, die Malerei, den Krieg und das Leben. Er heißt im Original Il sogno di Walacek und wurde geschrieben von dem 1928 geborenen Tessiner Giovanni Orelli. Der Zürcher Limmatverlag hat ihn als Walaceks Traum herausgebracht.

Die Grasshoppers Zürich und Servette Genf trennten sich im Schweizer Cupfinal am 18. April 1938 in Bern mit 2:2. Am nächsten Tag reißt der deutsche Maler Paul Klee die Seite mit dem Bericht, die Seite 13, aus einer National-Zeitung heraus und pinselt Buchstaben darauf. Er nennt das Werk Alphabet I.  Auffallend ist das O. Was bedeutet es, was könnten die Buchstaben bedeuten?

Orelli spielt herum, lässt den Maler selbst auftreten, widmet sich dem Fußballsport, und seine freischwebenden Exkurse verführen ihn dazu, Mannschaften aufzustellen, die es nie gegeben hat, doch wie das die Fantasie verführt!

Etwa bildet er eine Mannschaft der damals »entarteten« Künstler, so genannt von den Nationalsozialisten. Sie besteht aus: Grosz (Tor); Thoma, Schlemmer (Verteidigung); Engelmann, Gropius, Feininger (Mittelfeld); Jawlenskij, Walacek, Klee, Kokoschka, Kandinski (Sturm). Orelli neigt den frühen Mannschaften mit dem 2-3-5-System zu, mit einem starken Sturm also. (Deutschland heute mit Jogi Löw beschäftigt wenige Stürmer, anscheinend.)

Oder, die Variante eines Schweizer Teams: Jung; Paracelsus, Gessner; Hodler, Bachofen, Vadian; Koblet, Walacek, Ramuz, Grock, Constant. Zwischendurch fiel mir ein (Fußball ist auch ein intellektuelles Abenteuer), dass man die vier Temperamente des Menschen, die in der Astrologie mit Feuer, Wasser, Luft und Erde bezeichnet werden, den vier Ebenen in der Mannschaft zuordnen könnte.

Der Torwart, ein schwieriger Mensch, wäre Wasser; die Verteidiger müssten Erde sein, sie sichern nach hinten ab; die Mittelfeldleute sind Luft, klar, sie sind kreativ und vergeistigt; die Stürmer sind unbedingt Feuer, nach vorne und abziehen!

Noch mehr schöne Mannschaften hat Orelli zu bieten. Walacek, der tschechische Stürmer, ist in jeder vertreten. Er ist groß. 1964 sieht er seine Eltern wieder. Er überlebt den Krieg, doch Paul Klee stirbt, am 29. Juni 1940 in Bern. Hübsch ist Orellis Einfall, einen Mann mit der Asche Klees zur Bestattung am 2. Juli nach Locarno fahren zu lassen. Paul Klee hat heute in Bern ein großes Museum, nur ihm gewidmet.

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