Der Radwechsel

Das Gedicht Der Radwechsel ist eines der bekanntesten von Bertolt Brecht. Es sind vermutlich 60 Jahre vergangen seither, aber es ist zeitlos und betörend schlicht, dass man es gut auswendig lernen könnte. In dem Buch Denken heißt verändern … erinnert sich Käthe Reichel an die Entstehungsgeschcihte des Gedichts.

Käthe Reichel ist 1926 in Berlin geboren und kam 1950 an Brechts Theater. Der Dramaturg und Regisseur Brecht förderte sie, und sie hatten eine Liebesbeziehung. Einige Liebesgedichte schrieb er für sie. Frau Reichel erinnerte sich 1997 bei einem Interview für das Buch anlässlich Brechts 100. Geburtstag an den Radwechsel und erwähnte, es sei eine Kritik am DDR-Staat gewesen. Hier das Gedicht:

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

Käthe Reichel sagte: »Dieses wunderbare Gedicht entstand in meiner Anwesenheit. Ich fuhr mit Brecht in seinem Auto. Wir waren unterwegs nach Berlin. Brecht wollte bei einer Sitzung der Akademie der Künste Peter Huchel gegen Angriffe verteidigen. [Huchel war Chefredakteur von Sinn und Form und verließ später die DDR.] Etwa neun Kilometer von Buckow entfernt, blieben wir liegen, da der Reifen eines Rades defekt war. Wir verständigten eine Reparaturwerkstatt, und Brecht sah zu, wie das Rad gewechselt wurde. Wir saßen im Straßengraben, es war heiß. Brecht lief der Schweiß unter der Mütze hervor.
Er war total mit sich alleine, in sich gekehrt, nicht ansprechbar, als umgäbe ihn eine Mauer, die nicht zu durchbrechen ist. Er beobachtete den Mann beim Radwechsel, sah aber gleichzeitig in die Ferne, sah über viele Horizonte hinweg und schloss gewissermaßen die ganze Welt in sein Sehen mit ein. So entstand der Radwechsel

2 Kommentare zu “Der Radwechsel”

  1. Regina

    Lieber Mandy, jetzt dachte ich gerade beim Lesen der Überschrift: Ohje, schon wieder einen Platten (Rennrad) aber es war Brechts Auto – ein schönes Gedicht! ciao Gina

  2. web108

    Liebe Gina! Letzten Donnerstag eine schöne 120-Kilometer-Tour durch den Pfaffenwinkel gemacht, kreuz und quer und rauf auf den Peissenberg, und jetzt glaube ich, der Bann ist gebrochen! Servus dann Mandy.

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