Nochmal Huchel

Peter Huchel war ein unglaublicher Lyriker. Ich muss nochmal zwei Gedichte von ihm bringen, und dann hatte ich, ein Nachwort von Peter Wapnewski über sein Leben lesend, einen ganz neuen erregenden Gedanken, den ich zunächst darstellen will.

Ich habe ja drei Sammelbände mit Gedichten von Huchel, unter anderem einen dünnen Suhrkamp-Band, den das Goethe-Institut in Rom ausgesondert hatte. Wapnewski zitiert eine der kargen Aussagen des Dichters: »Der Text will für sich selber stehen und sich nach Möglichkeit behaupten gegen seine Interpreten, gegen etwaige Spekulationen, Erhellungen und Biographismen …« Doch der Autor spricht dem Interpreten nicht das Recht ab, »mit legitimen Mitteln den Text zu deuten und dessen einzelne Schichten aufzudecken«.

Prosa meint man ja zu verstehen, nur bei Gedichten wird immer herumgewühlt. Aber ich dachte mir: Ließe man den Klang und die Atmosphäre eines Gedichts einfach so stehen und auf sich wirken, dann wäre es wie ein Bild oder ein Musikstück, über die man ja mit Worten wenig sagen kann. Bei Gedichten nehmen wir es mit der Aussage zu ernst. Auch bei Prosa finde ich, ist Atmosphäre alles; sie ist die Magie. Wortkunst ist im Grunde nicht anders als bildende Kunst und Klangkunst. Wenn’s um Worte geht, meint jeder, etwas dazu sagen zu können, und es kann ja alles stimmen (und stimmt auch, weil jeder seinen eigenen Text liest), aber gerade der Anspruch, etwas verstehen und deuten zu wollen, ist die Arroganz, die das Kunstwerk verfehlt.

Großartig ist noch Huchels Verona.

Zwischen uns fiel der Regen des Vergessens.
Im Brunnen verdämmern die Münzen.
Auf der Mauer die Katze,
sie dreht ihr Haupt ins Schweigen,
erkennt uns nicht mehr.
Das schwache Licht der Liebe
sinkt auf ihre Augensterne.

Es rasselt das Räderwerk im Turm
und schlägt zu spät die Stunde an.
Die Erde schenkt uns keine Zeit
über den Tod hinaus.
Ins Gewebe der Nacht genäht
versinken die Stimmen
unauffindbar.

Zwei Tauben fliegen vom Fenstersims.
Die Brücke behütet den Schwur.
Dieser Stein,
im Wasser der Etsch,
lebt groß in seiner Stille.
Und in der Mitte der Dinge
die Trauer.

Die Trauer, ja, und Adorno meint, jede Kunst sei traurig. Man könnte bei Verona an Eugenio Montales Dora Marcus denken, wo es heißt ma è tardi, sempre più tardi (es ist immer zu spät), und das Gedicht fängt auch mit einer Brücke an: Fu dove il ponte di legno / mette a Porto Corsini sul mare alto.

Richtig schonungslos ist das Gedicht Chausseen:

Erwürgte Abendröte
stürzender Zeit!
Chausseen. Chausseen.
Kreuzwege der Flucht.
Wagenspuren über den Acker,
der mit den Augen
erschlagener Pferde
den brennenden Himmel sah.

Nächte mit Lungen voll Rauch,
mit hartem Atem der Fliehenden,
wenn Schüsse
auf die Dämmerung schlugen.
Aus zerbrochenem Tor
trat lautlos Asche und Wind,
ein Feuer,
das mürrisch im Dunkel kaute.

Tote,
über die Gleise geschleudert,
den erstickten Schrei
wie einen Stein am Gaumen.
Ein schwarzes
summendes Tuch aus Fliegen
schloß ihre Wunden.

Man muss dazu nichts sagen.

 

 

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