Rufe nach Liebe

Gao Xingjian erlebt in China, in der Provinz Miao, ein Festival mit, das nur alle Jahrzehnte abgehalten wird. Ich übersetze die Stelle aus dem Buch Lingshan. Sie ist schön wie manche Passagen von Krishnamurti.

»Die Liebeslieder beginnen in der Dämmerung, und zunächst gleiten sie über den Fluss von der anderen Seite herüber. Die Bambuswälder auf den Bergen gegenüber baden im Gold der Sonnenstrahlen, während sich diese Seite des Flusses schon in Nacht kleidet. Junge Frauen in Fünfer- oder Sechser-Gruppen kommen zum Flussufer; manche bilden einen Kreis, andere halten sich an den Händen, und so rufen sie ihre Liebhaber. Melodisches Singen erfüllt bald die weite Nacht. Junge Frauen sind überall, und sie halten immer noch ihre Sonnenschirme hoch und auch ein Taschentuch oder einen Fächer. Es gibt auch einige dreizehn- und vierzehnjährige Mädchen, die sich gerade der Jungen bewusst werden. (…)

Die Stimme der ersten Sängerin jeder Gruppe erhebt sich in die Luft, und jeder bemerkt ihre äußerste Ernsthaftigkeit. Vielleicht ist ›singen‹ nicht das richtige Wort, denn die klaren Klänge kommen aus dem tiefsten Inneren, und Herz und Körper reagieren. Der Klang scheint von den Fußsohlen aufzusteigen und hinaufzuschießen zwischen Augen und Stirn, bevor sie ausgestoßen werden – kein Wunder, dass sie ›fliegende Lieder‹ genannt werden. Das ist völlig instinktiv, unangestrengt und unkriegerisch und ohne jede Befangenheit. Jede Frau gibt alles, Körper und Seele, um ihren jungen Mann zu sich zu rufen.

Die jungen Männer geben sich ganz zwanglos, und manche gehen direkt zu den Frauen hin, um diejenige auszuwählen, die ihnen am besten gefällt, als ob sie eine Frucht auswählten. In dieser Phase bewegen die Frauen ihre Taschentücher und Fächer und intensivieren noch einmal ihren Gesang. Wenn eine Unterhaltung beginnt, nimmt der junge Mann die Hand der jungen Frau, und sie gehen gemeinsam weg. Der Marktplatz … ist nun ein riesiges Gesangsstadion. Ich bin plötzlich von überbordenden Leidenschaften umzingelt und denke mir, dass die ursprüngliche Suche des Menschen nach Liebe so gewesen sein muss. Die sogenannte Zivilisationen der späteren Jahre trennten den sexuellen Impuls von der Liebe und schufen die Konzepte Status, Wohlstand, Religion, Ethik und kulturelle Verantwortung. Das ist die Dummheit des Menschenwesens.«

 

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