Vernichtung durch Arbeit

Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma liegt auf halber Höhe  zwischen dem Heidelberger Marktplatz mit Heiliggeistkirche und Schloss Heidelberg, von beiden nur je 200 Meter entfernt. Unten und oben trotteten Hunderte Touristen herum; im Zentrum, das an die halbe Million Sinti und Roma erinnert, die von 1933 bis 1945 nationalsozialistischer Gewalt zum Opfer fielen, war ich auf drei Etagen fast alleine inmitten grünlicher Stellwände und the horror.

Die Sammlung Prinzhorn hat täglich auch nur 20 bis 30 Besucher, und ich erinnere mich an eine Ausstellung über spanische Verfolgte im Zweiten Weltkrieg in der Altstadt von Toledo, die ich im März besuchte. Auch da war ich ganz alleine. Die Leute bummeln lieber durch schön hergerichtete Gassen. Sie schauen sich Kirchen an und freuen sich über hübsche Auslagen. Sie essen gut und reisen ab. Was bleibt ihnen? Das Fazit: Heidelberg (Toledo) ist schön. Muss man gesehen haben. Sie wollen sich ihre gute Laune nicht trüben lassen. Wie sagen sie gerne? Das Leben ist schwer genug.   

Wie die Sammlung Prinzhorn ist die Ausstellung über den Tod der Sinti und Roma bei der Zwangsarbeit und in Konzentrationslagern relativ neu. Am 16. März 1997 übergab der damalige Bundespräsident Roman Herzog sie der Öffentlichkeit. Erst 15 Jahre zuvor hatte die Bundesregierung das Schicksal der Sinti und Roma zwischen 1933 und 1945 als »Völkermord aus rassischen Gründen« anerkannt. Das Zentrum war mit Unterstützung der Stadt Heidelberg Anfang der 1990-er Jahre eingerichtet worden. Aus jener Zeit (1991) stammt auch das Buch Sinti und Roma im »Dritten Reich« von Romani Rose und Walter Weiss, das alle Hintergründe mit entsetzlichen Details schildert. Im Dokumentationszentrum ist es für 6 Euro zu erwerben.  

Installation im Meditationsgarten der Peterskirche, Heidelberg

»Stets war die Idee der Arbeit mit der Idee der Ausrottung verbunden«, hieß es im Urteil des Internationalen Militärgerichtshofs Nürnberg 1947 gegen Oswald Pohl, dem Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts (1951 in Landsberg am Lech hingerichtet). Rose/Weiss schreiben: »Sie (die Arbeiter) waren in den Augen ihrer Peiniger entseelte Wesen.« Ein SS-Mann schrie seine Sklaven an: »Wer Häftling ist, der ist kein Mensch.« 

Juli 1936 war in Berlin das Zigeunerlager Marzahn eingerichtet worden, später zwei weitere in Frankfurt und in Magdeburg. Heute sprechen wir von Sinti und Roma, Worte aus der Sprache Romanes. Rom bedeutet Mensch; die Sinti leben seit dem späten Mittelalter in Mitteleuropa, die Roma stammen aus Südosteuropa. Die ursprüngliche Heimat der Sinti und Roma war Indien. 

Im Oktober 1938 führte Adolf Eichmann im Amt IV des Reichssicherheitshauptamts die Deportation von Juden und Zigeunern durch. Am 30. Januar 1940 verfügte Sicherheitspolizeichef Heydrich die Deportation von »sämtlichen Juden der neuen Ostgaue und Zigeunern aus dem Reichsgebiet und der Ostmark«. Am 18. September 1942 protokollierte Reichsjustizminister Thierack: »Hinsichtlich der Vernichtung asozialen Lebens steht Dr. Goebbels auf dem Standpunkt, dass Juden und Zigeuner schlechthin vernichtet werden sollten. Der Gedanke der Vernichtung durch Arbeit sei der beste.« 

Damit begann der Leidensweg der Sinti und Roma durch Fabrikhallen, unterirdische Rüstungsbetriebe, Steinbrüche und Chemiewerke. Viele Tausende wurden zwangssterilisiert, andere zu medizinischen Experimenten missbraucht. Eine halbe Million Sinti und Roma verlor das Leben, oft nach entsetzlichen Entbehrungen und Foltern. Die Arbeitgeber waren Krupp und Rheinmetall, Siemens und AEG, Daimler-Benz und BMW, Messerschmitt und Heinkel sowie die IG Farben. Einige Firmen zahlten später immerhin Reparationen an die Jewish Claims Conference.  (Links der Totenturm in der Jesuitenkirche Heidelberg, in den auf Tontafeln die Namen von Verstorbenen eingefügt werden. Wir selbst, heißt es, seien »eingezeichnet von Gottes Hand«.) 

Die privaten Rüstungsbetriebe überwiesen für die Arbeit der Sklaven an die SS im November 1944 7 Millionen Reichsmark, etwa 4 oder 5 RM pro Tag und Arbeitskraft. Die Versklavten bekamen nichts. »Der Anspruch auf individuelle Entschädigung für erlittenes Unrecht im ›Dritten Reich‹ (…) hat sich (…) in den vergangenen 45 Jahren größtenteils auf biologische Weise durch den Tod der Entschädigungsberechtigten von selbst gelöst«, schrieben wiederum (1991) Romani Rose und Walter Weiss.    

 

   

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