Wanderungen

W. G. Sebald beschreibt in seiner Erzählung All’Estero, wie er 1980 einen Ausflug mit Ernst Herbeck unternahm, der nach 34 Jahren in der Psychiatrie probeweise als Ruheständler in einem Pensionistenheim untergebracht wurde, »unter dessen übrigen Insassen«, wie Sebald meinte, »er nicht weiter auffiel.«

Herbeck war im ersten Nachkriegsjahr eingeliefert worden. Er schrieb auch Gedichte. Sebald und er besuchen ein Ausflugslokal oberhalb der Donau. »An dem hellen Oktobertag, an dem Ernst und ich nebeneinander sitzend diesen wundervollen Ausblick genossen, schwebte ein blauer Dunst über dem Laubmeer, das hinaufreicht bis an das Gemäuer der Burg. Luftwellen durchliefen die Wipfel der Bäume, und einzelne losgelöste Blätter fanden den Aufwind und stiegen so hoch, dass sie allmählich den Augen entschwanden. Ernst war mitunter sehr weit entfernt.«

Über 13 Seiten (von 44 bis 57 im Fischer-Taschenbuch Schwindel. Gefühle.) schildert  Sebald den Tag, und beim »Abschiednehmen lüftete Ernst seinen Hut und machte, auf den Fußspitzen stehend und leicht vornübergebeugt, eine gezirkelte Bewegung, um im Abgang den Hut wieder aufzusetzen …« Ein Ausflug von Freunden, wie schön!

Das hatte ich vergessen, und es musste mich an eines meiner Lieblingsbücher erinnern, Wanderungen mit Robert Walser von Carl Seelig. Walser, der wunderbare Stilist und Autor der Romane Der Gehülfe und Geschwister Tanner, war 1929 in eine Heilanstalt in Bern gebracht worden und lebte von 1933 bis zu seinem Tod an Weihnachten 1956 (bei einer Wanderung) in der Anstalt Herisau (Appenzell-Ausserrhoden).

Carl Seelig war vermögend und ein sehr diskreter Mäzen armer Autoren: Meist ließ er ihnen Geld anonym zukommen. Mit Walser freundete er sich an, und 20 Jahre lang trafen sie sich jedes Jahr ein paar Male, fuhren mit dem Bähnlein nach St. Gallen, ins Appenzellische oder an den Bodensee. Sie aßen gut und viel, rauchten und tranken, und Walser sprach über Gott und die Welt, und das ist kurzweilig und lehrreich, denn Robert Walser war ja nicht verrückt; er wollte bloß seine Ruhe haben und einen geregelten Tagesablauf. Man merkt, wie sehr es beide genossen, bei Sonne oder Wind und Wetter zu wandern und sich auszutauschen. Was braucht man mehr?

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