Arbeitsteilung

Schade, das Wortspiel von Robert A. Hahn kommt nicht richtig an bei uns: Division of Labor heißt zwar in etwa Arbeitsteilung, aber labor sind auch die Wehen. Der amerikanische Medizinanthropologe hat in seinem Buch Sickness and Healing (1995) sich die Ideologie der Geburtshilfe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorgenommen. Da war der Arzt die Hauptperson, nicht die Gebärende.

Hahn analysierte die ersten 10 Ausgaben des Lehrbuchs Williams Obstetrics, von 1900 bis etwa 1950. John Whitridge Williams (1866-1931) prägte die Gynäkologie seiner Zeit und hat seine Verdienste. Vor 100 Jahren starben noch 5 von 1000 Frauen bei der Geburt, und 16 von 100 Säuglingen überlebten nicht das erste Jahr. Aber das Lehrbuch der Gynäkologie zeigt klar, wie autoritär und männlich gestaltet das medizinische Feld war. Man muss nicht in die Details gehen; es genügt, Hahns Analyse zu zitieren.

»Vier grundsätzliche Prinzipien kennzeichnen Williams‘ Konzept von den Frauen und der Geburt. Zum ersten wird die gebärende Frau als ‚der Fortpflanzungstrakt‘ wahrgenommen – das Organsystem wird von der Person abgelöst, und die Frau wird nicht mehr gesehen. Williams schreibt oft, dass Ärzte vermutlich nicht ‚Frauen mit einem gewissen Zustand‘ oder ‚Patientinnen mit diesem und jenem‘ antreffen würden, sondern ‚Fälle von‘ und ‚Bedingungen von‘. Zweitens wird der Verlauf der Geburt als so gefahrvoll betrachtet, als wäre er eigentlich pathologisch und bedürfe höchster medizinischer Aufmerksamkeit und Kontrolle. Drittens wird der Gebärenden eine vornehmlich passive Rolle zugeschrieben, während der Arzt die Hauptrolle beim Geburtsvorgang einnimmt. In späteren Ausgaben der Obstetrics gibt Williams deutlich seinen Glauben zu erkennen, dass eigentlich der Arzt eher entbinde als die Frau. Der Arzt ist nicht nur der Gehilfe oder Ratgeber einer gebärenden Frau, sondern eher der Leiter des Reproduktionsvorgangs. Die Frau ist nur ein schwach wahrnehmbarer Teilnehmer des Vorgangs – wenngleich die Trägerin dieses Events. Und viertens, wo gebärende Frauen und ihre Begleiter als Handelnde dargestellt werden, wirken sie eher als Gegenspieler, die ihren eigenen Geburtsvorgang erschweren.«

Die Gynäkologie als eigenständige Disziplin entwickelte sich ja erst ab 1880, aber der Arzt und Mann griff dann vehement an und riss dieses Feld an sich. Und an diesem Beispiel sieht man klar den Irrweg der westlichen Medizin vor sich, der in den ersten 50 Jahren des 20. Jahrhunderts besonders krass wirkte, in der auch zwei Weltkriege stattfanden. Es herrschten Härte und Brutalität. Der Mann schwang sich zum Herrscher auf. Doch auch heute noch herrscht keineswegs Arbeitsteilung. Oft spielt der Patient die Nebenrolle und ist Komparse in einem Stück, das den Doktor in der Titelrolle hat.

Sylvia Browne hat in einem Buch erzählt, sie habe in den 1980er Jahren in Afrika beobachtet, wie eine Kenianerin gebar: Sie grub ein Loch in die Erde, legte eine Metallstange darüber, klammerte sich an ihr fest und drückte das Baby in das Loch. Die Nabelschnur kniff sie mit den Zähnen durch. Dann packte sie das Neugeborene in ein Tuch, das sie um ihren Hals trug und begab sich wieder an die Feldarbeit. Sie hatte vielleicht, überlegte Browne, nie gehört, wie anstrengend eine Geburt sein kann.

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