Bajass

Gleichzeitig mit meinem Buch ist (neben anderen sieben) von Nautilus auch der Roman Bajass von Flavio Steimann veröffentlicht worden. Ich habe es nun gelesen und war begeistert. Es spielt etwa vor hundert Jahren im Luzernischen, aber es ist ein ganz zeitloses Buch, geschrieben mit großer Meisterschaft.

Ich habe die erste Hälfte meiner Mutter vorgelesen, und das zu tun, hat mir gefallen. Überhaupt: vorlesen und sich vorlesen lassen! Dann wirken die Wörter und Sätze erst richtig. Flavio Steimann ist 75 Jahre alt und lebt in der Nähe von Luzern. Um eine Ahnung zu haben, könnte man sagen, sein Stil erinnert an W. G. Sebald. Leider kennt kaum jemand Sebald. An Kleist erinnert er auch: lange, gewundene Sätze mit großer Präzision. Steimann benennt die Gegenstände, die er erwähnt, und manche Wörter kannte ich nicht einmal.

Da ist ein Bauernpaar auf dem Land mit Äxten erschlagen worden. Die Dorfbewohner sind unverdächtig und beharrlich schweigsam, wie man das kennt. Es ist neblig und kalt, Kommissar Gauch wandert durch Dörfer und inspiziert eingehend das Gehöft, in dem die Bluttat geschehen ist. Das Treffen mit dem Pathologen. Das Begräbnis. Keiner will Gauch helfen, der zudem krank ist. Schließlich findet er das Bild eines Knaben, und auf der Rückseite steht: Bajass. Ihn gilt es zu finden.

Die Suche führt Gauch auf ein Auswandererschiff mit Ziel New York. Der Kommissar verschwindet einfach, und man vermisst ihn. Eigenmächtig bezieht er eine Kabine und ahnt auch schon bald, wer Bajass ist … Ich fand einen Zeitungsartikel, in dem es hieß: »Zwischen 1821 und 1914 verließen 42 Millionen Menschen Europa, um in Australien, in Nord- und Südamerika ihr Glück zu suchen. Gründe, die Heimat zu verlassen, gab es auch hierzulande eine Menge.«

Wenn Leute über die afrikanischen Flüchtlinge schimpfen, die organisatorische Probleme verursachen, vergessen sie, dass vor hundert Jahren viele ihrer Vorfahren in Amerika Flüchtlinge waren und hofften, dort freundlich empfangen zu werden. Sie wollten sich ein neues Leben aufbauen, weil sie in Europa hungerten, wie die Afrikaner in ihren Ländern. Gauch befallen Zweifel, ob er den Täter ausliefern soll.

Das Buch hat nur 128 Seiten, aber es ist ein Leseerlebnis. In der Schweiz gab es sogar schon eine zweite Auflage. Das macht Mut, denn leicht zu lesen ist Bajass nicht. Der Roman knüpft an die Werke der großen Schweizer Autoren an und kann sich durchaus an Robert Walser und C. F. Meyer messen lassen.

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