Ruhiger Rückblick

Blick zurück aufs Alte Jahr in Gelassenheit. Ich mache das nie. Blicke nicht zurück. Man muss das Jahr ja nicht als Einheit begreifen; alles ist Kontinuum, und der 31. Dezember ist genauso willkürlich gewählt, wie es jeder andere Tag wäre, um zurückzuschauen. Unser Weltbild prägt unsere Reaktionen, und niemand muss dieses Weltbild annehmen.

Wenn wir Enttäuschungen und Niederlagen erlebt haben, heißt das noch nichts. Die Zukunft ist offen und unvorhersehbar; eine Niederlage kann dann doch zu unserem Glück ausschlagen, eine Enttäuschung kann uns Verstehen schenken, und immer wieder gehen Türen auf, man bekommt eine Chance noch einmal und noch einmal, auch wenn man das unter dem Eindruck einer vertanen Chance nicht glauben mag. Glauben wir an die Zukunft!

Der Physiker Hans Peter Dürr, der vergangenes Jahr, glaube ich, verstorben ist, meinte einmal, es gebe keine Materie, und kürzlich las ich das wieder. Natürlich, alle Materie besteht aus Atomen mit ihrem (fast) leeren Innenraum, alles besteht aus denselben Teilchen. Wenn man sagt, es gebe keine Materie, dann meint man wohl, dass dieses Konzept nicht als das Böse, Starre, Hindernde gesehen werden muss und untergeordnet dem Geist.

Dann las ich, dass der Philosoph Gilbert Lyle einmal schrieb, der Geist sei ein »Geist in der Maschine« (in unserem Körper), erfunden von uns. Wenn es nun weder Geist noch Materie gibt, kommen wir zu einem Monismus: Es gibt etwas Fundamentales, Zusammengehöriges, einen Körpergeist oder Geistkörper. Ich schlage mich ja damit herum, wie der Geist (oder die Seele) auf den Körper wirken könnte, aber das Konzept der Kausalität ist in der Philosophie nicht zu beweisen. Vielleicht gibt es nur Korrelationen oder ineinandergeschachtelte Bewegungen, vielleicht reagiert der Körper auf Vorstellungsbilder oder alles schichtet sich gleichzeitig um.

Damit will ich nur sagen, dass unsere Gedankenwelt unser Denken formt. Der 31. Dezember führt zum Rückblick, weil wir gelernt haben, das Jahr als gedankliche Einheit zu begreifen; wir kennen die Dinge und unser Bewusstsein, den Geist und die Materie, und vieles von dem, über das wir nachdenken, läuft in festen Mustern ab. Man müsste darum sagen: Wir sollten Ende des Jahres vieles von dem löschen, was wir als gesichert betrachtet haben. Viele Perspektiven sind möglich. Jede Geschichte lässt sich auf viele verschiedene Arten erzählen. Ein gutes Neues Jahr allen manipogo-Leserinnen und -Lesern!

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