Flugverkehr (31): die Möwe Jonathan

Das Fliegen in einer anderen Dimension, in die Vergangenheit und die Zukunft, vielleicht ins Jenseits und zurück, steht im Mittelpunkt des Buchs Die Möwe Jonathan von Richard Bach, das 1970 eine Art moderne Version des Kleinen Prinzen von St. Exupéry war, denn Jonathan will schnell und schön fliegen und frei sein, und dafür nimmt er in Kauf, von seinem Schwarm ausgestoßen zu werden.

Die Möwe Jonathan ist eine Parabel. Der konservative Schwarm, der den freiheitstrunkenen Jonathan bestraft, ist unsere Gesellschaft, die immer nur das Gewohnte durchzusetzen weiß und vor allem weiß, was nicht geht. Jonathan will fliegen, die anderen Möwen hocken nur herum. Der Körper ist ein Ausdruck deiner Gedanken, lernt er. Wenn du deine Gedanken befreist und dir die Grenzen wegdenkst, kannst du mehr, als du meinst; dann kannst du alles erreichen.

Das erinnert zwar an das übliche Machbarkeits- und Erfolgsdenken der Amerikaner, doch das dünne Büchlein ist schön geschrieben und voller Reiz. Erdacht wurde es in einer glücklichen Zeit, als es Utopien und Hoffnungen gab: Die Rockmusik blühte, die Studenten streikten, es gab Aufbrüche. Es war auch die Zeit von Pirsigs Zen in der Kunst, ein Motorrad zu warten. Richard Bach hat ein hoffnungsvolles Ende geschrieben, und es kann ja sein, dass alles noch gut endet.

Möwe über dem Lindauer Hafen

Natürlich schiebt diese Gesellschaft auch immer ihre Grenzen hinaus. Doch es sind technische Neuerungen, um die es geht, die technischen Neuheiten des Jahres. Man will leisere Flugzeuge und Autos, die wenig Energie brauchen, Internet und Datenströme überall und sonst … am liebsten so weitermachen. Die Durchwirkung der Welt mit Technik geht weiter, aber weitergehen müssen auch die Diskussionen darüber.

Dass es überall Internet gibt, kann nicht schlecht sein, und allen möglichen Verbesserungen und Verschlankerungen kann man etwas abgewinnen, aber sind das nicht nur Spielereien an der Oberfläche? Wo sind die Inhalte? Worum geht’s? Was wollen wir mit dem Zeug? Was fange ich mit gesparten 30 Minuten an? (siehe: Der kleine Prinz). Muss ich unbedingt nach Dubai fliegen? Kann ich nicht mein Buch im Wohnzimmer lesen, neben dem Kamin?

Wer bin ich und was will ich? Das erfahre ich nicht, wenn ich mich von Informationen und Filmchen umspülen lasse, und in der Stille erfahre ich es auch nicht gleich. Da ist ein schwarzes Loch, und da muss man hindurch, wenn man sich kennenlernen will. Hört auf die Möwe.

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