Woanders stehen

Religion ist in unserer Geselleschaft kein Thema, oder doch: in Gestalt der Technik. Über sie muss man nachdenken, sie sickert ein und macht sich breit und wir merken es kaum. Kürzlich nebenbei eine Fernsehreklame gehört, wo eine Frau sagt, sie werde jetzt die Heizung programmieren, und wenn sie heimkämen, wär es schon warm.

Ein Zitat des Alchemisten Alexander von Bernus (Alchymie und Heilkunst, Nürnberg, 1948): »Der Alchymist bedurfte solcher Orientierung gar nicht, um sich in der Natur zurechtzufinden, weil er noch geistlebendig in ihr drinnen stand und sie erfuhr; genau so wenig wie ein Arzt zur Zeit des Paracelsus [in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts] einen Fieberthermometer nötig hatte, um die Fieberhöhe eines Kranken zu ermitteln.«

Der Mensch hat Fieber, das ist klar, ob nun 38,9 oder 39,7 ist nicht so wichtig, oder? Wenn es sehr heiß wirkt und sehr schlecht aussieht, hat er vielleicht 41, dann ist Gefahr. Die Zahlen. Ich habe keinen Tachometer am Fahrrad mehr. Ich weiß, dass ich um die 80 Kilometer gefahren bin, und ob der Schnitt nun 22,71 oder 23,32 war oder nur 20, kümmert mich nicht. Übergroße Präzision lenkt nur ab, lenkt uns auf die falsche Fährte. Sie ist eine Illusion und legt sich wie ein Schleier vor die tausend Dinge, die wir nicht wissen.

Bernus weiter: »Tatsache ist jedenfalls, dass im Verhätnis, wie die Technik fortschritt, sich die intimeren menschlichen Sinnesfähigkeiten schrittweise zurückentwickelt haben – ob zu unserem Gewinn oder Verlust, steht hier nicht zur Debatte. Fest steht für alle Fälle dieses: dass für uns heute nicht von einem Weitersein als Werturteil, sondern nur von einem Woandersstehen die Rede sein kann.«

Das ist ausgewogen formuliert. Nur der Technik-Freak meint, weitergekommen zu sein, aber ich kann diesen Fortschritt auch ablehnen. Wenn ich morgen mit dem Rad von Toledo in Richtung Saragossa will, kann ich meinen Navi programmieren und dann fahren, und man lotst mich. Ich habe mich oft geärgert, wie mühevoll das Sich-Orientieren ist, man verliert jeden Tag eine Stunde damit, breitet die Landkarte aus, sichtet Straßen, fragt Leute … das sind dann aber auch kleine Erfolgserlebnisse, ich komme trotzdem an, und der kleine Prinz von Saint-Éxupéry fragt ja auch: Wenn du eine Stunde gespart hast, was fängst du damit an?

Die Technik schiebt sich jedenfalls zwischen uns und die Welt, erleichtert uns das Leben, nimmt uns aber auch etwas weg. Leider ist es so, dass bewundert wird, wer ein neues Gerät hat, und dass belächelt wird, wer dagegen ist. Ich will aber frei sein und nicht abhängig von irgendwelchen Apparaten, die immer mal wieder eine Batterie brauchen und das lange Studium einer Gebrauchsanweisung. Wie schön aber, dass der Computer und das Internet funktionieren, was will man mehr?

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