Der Leopardentanz

Harry B. Wright erlebte in den 1950er Jahren unter den »primitiven Menschen«, wie man damals schrieb, Großartiges, und er kann gut erzählen. Deshalb müssen noch zwei Beiträge aus dem Buch Witness to Witchcraft (1958) sein. Hier geht es um Leoparden, übermorgen um Schlangen. 

In der Elfenbeinküste erlebte Harry den Leopardentanz mit. Die Stelle, wo das Mädchen auftaucht, ist bezaubernd und sehr erotisch, und der Autor vermittelt uns seine Faszination. Der Fetischpriester stimmt den Trauergesang an.

Als seine Stimme eine höhere Tonlage erreichte, ging eine leichte Bewegung wie ein Schauder durch die Menge. Ein Mädchen kam tanzend oder vielmehr schwebend auf die Lichtung. Es war völlig nackt bis auf eine Kette von Kaurimuscheln um den Hals und eine ebensolche um die Hüften.
Der Trommelschlag beschleunigte sich, und das Mädchen begann, schneller zu tanzen. Aus Ahos Gesten entnahm ich, dass es völlig unter der Führung eines Fetisches stand und ohne diesen Einfluss nicht hätte tanzen können. Es schien durch die Luft zu gleiten, und sein Körper schimmerte wie schwarze Seide im Schein von Fackeln, die rund um die Lichtung aufgestellt waren. Es wand und drehte sich langsam und anmutig. Zuweilen schien es in die Knie zu sinken, wobei es den Eindruck völliger Schwerelosigkeit machte.
Das Mädchen war groß und wundervoll gebaut, mit kräftigen Beinen und Armen, breiten Schultern und hohen, vollen Brüsten. Seine ebenholzfarbene Haut schimmerte im flackernden Schein der Fackeln, und über ihm neigten sich die Wipfel der Bäume in überirdischer Majestät, so dass es in einer großen, nur düster erleuchteten Kugel zu tanzen schien.
Plötzlich hielt es inne und blickte sich um. Dann rief es mit leiser, melodischer Stimme ein paar Worte. Das Trommelschlagen war fast verstummt und ließ nur einen schwachen Widerhall in der Luft zurück.

Plötzlich fragt Aho, der Fürst, Harry B. Wright, ob er auch die Leoparden sehen könne? Er solle zurücktreten, damit er sie nicht berühre. Aber Harry sieht nichts. Die Trommeln werden lauter und schneller. Und dann …

Plötzlich hatte ich das Gefühl, als ob mir die Augen aus dem Kopf getreten wären. Genau hinter dem Mädchen, wo Licht und Dunkelheit ineinander übergingen, sah ich den Schatten eines Tieres, und ehe ich Zeit hatte, meinem Erstaunen Ausdruck zu geben, glitt ein voll ausgewachsender Leopard ins Blickfeld. … Zwei weitere Leoparden erschienen hinter dem Mädchen, schritten majestätisch quer über die Lichtung, und dann verschwanden die drei im Schatten der Bäume. Was erstaunlicher und nervenaufreibender als alles andere war: Ich sah deutlich, dass der Leopard ein Huhn im Maul hatte.

Der Erzähler zweifelt, ob es wirklich Leoparden waren. Der Fürst meint: »Es gibt Menschen, die behaupten, dass diese Tiere nur jenen erscheinen, die Fetischmacht besichten … Ich weiß nicht, wie weit das zutrifft. Es sind hurtige Tiere, und der Geist, der sie uns zuführt, bringt auch das Mädchen zum Tanzen.« Dann war der Tanz vorbei.

Leopard, auf einem Foto aus dem Katalog der Library of Congress, Washington D. C:

Φ Φ Φ

Nun muss als Ergänzung noch der Auftritt einer schönen Schwarzen zitiert werden, der in Joseph Conrads Herz der Finsternis geschildert wird. Conrad, der Pole, schrieb ein exquisites Englisch, gerade weil er vermutlich bewusster mit der Sprache umging als einer, dessen Muttersprache sie ist. Diese eine Stelle in der zweiten Hälfte ist einfach ein Wunder: Sie war wild und herrlich, glutäugig und großartig; es war etwas Mysteriöses und Hochfahrendes in ihrem lässigen Vorwärtsschreiten. Und in der Ruhe, die plötzlich auf das ganze sorgenvolle Land gefallen war, schien die immense Wildnis, schien der gewaltige Körper des fruchtbaren und geheimnisvollen Lebens auf sie zu schauen, gedankenvoll, als ob er ein Bild seiner eigenen dunklen und leidenschaftlichen Seele erspäht hätte.

»She walked with measured steps, draped in striped and fringed cloths, treading the earth proudly, with a slight jingle and flash of barbarous ornaments. She carried her head high; her hair was done in the shape of a helmet; she had brass leggings to the knee, brass wire gauntlets to the elbow, a crimson spot on her tawny cheek, innumerable necklaces of glass beads on her neck; bizarre things, charms, gifts of witch-men, that hung about her, glittered and trembled at every step. She must have had the value of several elephant tusks upon her. She was savage and superb, wild-eyed and magnificent; there was something ominous and stately in her deliberate progress. And in the hush that had fallen suddenly upon the whole sorrowful land, the immense wilderness, the colossal body of the fecund and mysterious life seemed to look at her, pensive, as though it had been looking at the image of its own tenebrous and passionate soul.«

Noch ein Foto der Library: Lady & Leopards. ca. 1903

 

Ein Kommentar zu “Der Leopardentanz”

  1. Tina

    Katzen und Großkatzen wie Panther, Leoparden und Löwen werden in vielen Kulturen als göttliche Tiere verehrt. Es ist eine Schande, dass diese freiheitsliebenden, unabhängigen Wesen bei uns in Zoos und Zirkussen in Gefangenschaft gehalten werden. Sehr schön beschreibt das Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht Der Panther.

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