Kleine Pferdegeschichte

Das Pferd, der Freund des Menschen, gehörte bis vor 100 Jahren zu unserer Zivilisation, bis es ausgesondert und zum Freizeittier wurde. Aber auch früher musste es bloß funktionieren; im Western war es da und wurde nicht groß thematisiert. Wenigstens Karl May lässt seinen Ich-Erzähler Old Shatterhand, der im Orient als Kara Ben Nemsi auftritt, zu seinem Pferd ein intensives Verhältnis unterhalten.

In der Zeitschrift Scienza e Cultura nel Mondo aus Rom (Heft 2, Mai-August 2014) lässt Maria Luisa Felici die Geschichte des Pferdes Revue passieren. Der Hyracotherium, der nur groß wie ein Hund war, kann vor 50 Millionen Jahren als erster Vorläufer des Pferdes gelten, und vor 500.000 Jahren trat erstmals das Equus ferrus auf. Vor 10.000 Jahren dann, als der Mensch gerade sesshaft geworden war, erschien das Wildpferd (Equuus przewalksii) auf dem amerikanischen Kontinent und kam über die Beringstraße nach Asien und Europa, wo es etwa vor 4000 Jahren als Equus przewalskii caballus domestiziert wurde. (Illustration: zwei Pferde in einem Graben der Festung Neu-Breisach)

Ein kleinerer Verwandter, der Steppen-Tarpan, starb um 1800 aus, und den Wald-Tarpan hatte es schon 100 Jahre früher erwischt. Zwischen 1500 und 500 vor Christus wurde das Pferd schließlich für die Arbeit auf dem Feld und auf den Wegen  abgerichtet. Als dann die Barbaren mit ihren schnellen Pferden um Rom herum auftauchten, gab das der Pferdezucht einen Schub. Im frühen Mittelalter lieh das Pferd (cavallo italienisch, caballo spanisch) dem Cavaliere oder Caballero seinen Namen, der Ritter ist einer, der reitet, und auch die Kavallerie, die berittene Truppe, geht darauf zurück.

Pferde in der Camargue

Wie schön wirken doch ein paar Reiter im Morgendunst! Und die Postkutschenzeit, als die Reisenden im Gasthof Zur Post abstiegen und die Pferde gewechselt wurden! Die Tiere brauchen Zuwendung und Pflege und Futter, doch heute wenden viele Menschen für ihr Automobil oder Fahrrad mindestens ebensoviel Zeit und Liebe auf. Früher hätten sie ihr Pferd gestriegelt, gestreichelt und gefüttert, es warm gehalten und in den Schlaf gesungen. Wie schlafen Pferde eigentlich? Vermutlich im Stehen.

1913 gab es in Frankreich 40 Millionen Menschen und 3,2 Millionen Pferde. 1916 musste die Hälfte von ihnen im Feld dienen, und da starben sie wohl auch oft qualvoll, ohne dass sich jemand um sie kümmerte. 80.000 Pferde zogen in Paris 70.000 Fahrzeuge. Doch schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs schickten die Pariser Verkehrsbetriebe ihre 15.000 Pferde in den Ruhestand, und 1934 hatte das Pferd auch im Krieg ausgedient. Heute wird es vom Militär nur noch zu dekorativen Zwecken benutzt, im zivilen Leben für die Therapie und die Freizeit.

Kürzlich kam ich mit dem Rad an einem Feld vorbei, als gerade ein Schimmel zu galoppieren anfing. Es war ein Bild von Energie und Lebensfreude. Pferde sind sensible und kluge Lebewesen, und ein Fahrrad, so wunderbar es ist, kann man damit nicht vergleichen. Ein Fahrrad ist ein Ding, und ein Auto ist ein Ding. In Staufen machten kürzlich zwei Frauen mit ihren Pferden Pause, die mit ihnen auf Reisen waren, und das stellte schon eine mittlere Sensation dar.

2 Kommentare zu “Kleine Pferdegeschichte”

  1. Renate Frank

    Es gibt wohl auch welche, die schlafen im liegen. Ein Schotte hat mir mal erzählt, dass er immer sinnlos angerufen würde: „Dein Pferd liegt tot auf der Weide.“ Aber das sei Quatsch, es würde einfach gerne liegend schlafen – scheint aber schon ungewöhnlich, sonst würden sie ja nicht anrufen…

  2. web108

    Liebe Renate! Tolle Geschichte. Es gibt eben überall Individualisten. Viele Grüße ciao Manni.

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