Steile Stücke

Zehn Tage im März auf Teneriffa. War nicht gerade eine glückliche Wahl, denn es hat viel geregnet, und kühl war’s auch. Doch schon in der Anfangsphase hatte ich zwei wunderbare Rennradtage mit jeweils 1500 Höhenmetern. So lernte ich, dass ich in guter Frühform bin und dieses Jahr keinen Berg zu fürchten brauche, nicht mal Tourmalet und Galibier. Es war berauschend.

In diesem Küstenort mit 5000 Einwohnern und 10 Hotels und 20 Restaurants, Garachico, gab es sogar ein kleines, gut sortiertes Fahrradgeschäft. Der Besitzer ist Tony Acosta, ein schmaler, humorvoller junger Mann mit Brille. Aber sein Bruder José war es, der gerade Dienst hatte und mich fragte: »Mountainbike oder Carretera?« Carretera heißt Straße, das wollte ich: Ich wollte ein Rennrad und bekam ein englisches, Saracen, ein kräftiges, belastbares Ross, Gabel Karbon, Rahmen Aluminium. Die Farbe: schwarz und rot. 

Ich fuhr los, am Meer entlang nach Buenavista Norte, dann landeinwärts. 22 Kilometer nach Santiago de Teide, ein paar Steigungen sicherlich, aber vermutlich in zwei Stunden zu schaffen. Gut, dass man vorher nicht weiß, worauf man sich einlässt (wenn man wie ich einfach losfährt)! Denn es wurde ganz schön hart. Die Straße war schmal, aber neu und an den Rändern mit ockerfarbenen Steinen besetzt, die aussahen wie Schatztruhen. So sah man immer gut, wie es weiter oben weiterging, und ich wollte gar nicht hinschauen, denn die Straße kroch in Serpentinen hoch bis ichweißnichtwo, also Kopf runter und einfach fahren, aber in Zeitlupe und im zweitkleinsten Gang. 

Irgendwann, beim Aussichtspunkt Barranca, an dem 20 Touristenautos standen, fühlte ich mich beklommen inmitten kahler, schwarzer, spitzer Berge und steil abfallender Hänge; und irgendwo fern lagen Dörfer, ihre weißen, roten und gelben Häusern wie hingeklebt auf schmale Grate. Die Straße wand sich dann um den nächsten Kegel und schwang sich dann wieder hoch und höher, manchmal mit 12 Prozent Steigung. Ein Bus kam entgegen, der an einer Kehre manövrieren musste, um herumzukommen, und dann glitt er an mir vorbei, besetzt mit Schulkindern, die wie verrückt applaudierten und jubelten, als sie mich sahen. Andere klatschten auch Beifall.

Schlimm, wenn man am Anstieg aus dem Pedal muss und sich den Schub verpassen muss, um weiterzufahren. Dann der letzte Gipfel und hinab nach Santiago de Teide. Die Sonne kam heraus. Der letzte Anstieg hatte auf 1100 Meter Höhe gelegen, den ich von Meereshohe ansatzlos erklommen hatte. Was tun wir? Warum? Wir bewegen uns mit eigener Kraft durch die Natur, um sie und uns selbst zu erleben, um zu sehen (wie die Touristen, die mit dem Auto hochfahren), und wir sind draußen und ein Teil von etwas Großem, und wir sind wie Tiere, elegant und entschlossen. 

Zwei Tage später fuhr ich Richtung Osten und dann hoch in die Berge. Was es auf Teneriffa für steile Stücke gibt! Zum Teil waren es Steigungen mit 18 Prozent, und was das bedeutet, weiß, wer einmal von Rorschach am Bodensee nach Rorschacherberg gefahren ist, über die Autobahn hinweg. Aber der zweite Tag war weniger schön, viel Autoverkehr, die verdammte Motorisierung! Man fährt in einem Dorf um eine Ecke, und eine Autofahrerin will gerade ihre Tür aufmachen, und man schreit, und sie merkt es noch … Wir sind überall in Gefahr, wir sind eigentlich chancenlos, aber wir dürfen uns dennoch nicht verstecken, denn Rennrad fahren ist zu schön.

 

 

 

 

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