150 Tote

Mit einem Airbus 320, einem ebensolchen, der abstürzte, waren wir auch nach Teneriffa geflogen. Das Unglück gibt nun zu schreiben und zu denken. 150 Tote; unerklärlich, das darf nicht sein. Über die 150 Toten bei den beiden Anschlägen im Yemen vor fast einer Woche wurde weniger geschrieben, aber das ist erklärlich.

Mit Giovanna im Restaurant »La Perla« in Garachico gewesen, bei dem unvergleichlichen Padron Jesus. Wir unterhielten uns über alles Mögliche, aber vor allem über unsere Länder (Schweiz, Italien, Deutschland) und die Migranten. Ein Flugzeugabsturz ist ein technisches Problem, ein Attentat (wie das auf Charlie Hebdo, das in Tunis und im Yemen) ein menschliches. Dass Selbstmordattentäter auch Frauen und Kinder in die Luft jagen, ist nicht hinnehmbar. Freilich, es gibt viele Brennpunkte mit sozialem Leid, und da gibt es junge Leute ohne Perspektiven, die verführbar sind. Ein Mullah indoktriniert sie und gibt ihnen eine Lebensaufgabe, und wenn keine sonstigen Werte verfügbar sind, geschieht das Unausdenkbare. 

… So hatte ich das geschrieben am 24. März, als noch wenig bekannt war über den Absturz. Und nun soll es doch ein Selbstmordattentat gewesen sein, das sich in den Folgen nicht von denen in Yemen unterscheidet. Ist das nicht verrückt? Soll man etwa zwischen motivierten und nihilistischen Selbstmordattentaten unterscheiden? Bomberpiloten hatten im Krieg den Auftrag, ihre tödlichen Waffen auf die Welt unter ihnen zu werfen, und es würden dabei viele Zivilisten sterben, aber … es war ihre Aufgabe, der Gegner sollte demoralisiert werden, aber es war schrecklich und verrückt.

Joseph Heller schrieb in dem Roman Catch-22, wie verrückt das war: Wenn ein Pilot das nicht mehr wollte, galt er als verrückt und musste nicht mehr fliegen; wenn er wieder mitmachte, tat er etwas objektiv und menschlich Verrücktes, galt aber wieder als normal. Es war kriegsbedingter Irrsinn, Krieg ist irre, da werden die Maßstäbe umgedreht. Aber anscheinend gibt es auch private Welten, in denen sich die Maßstäbe umdrehen; Einzelgänger werden paranoid und gemeingefährlich.

Andres Breivik zum Beispiel, der Norweger, der im Sommer vor drei Jahren kaltblütig über 70 junge Menschen erschoss und das wohl irgendwie für rechtfertigbar hielt. Er war eine menschliche Zeitbombe gewesen, und niemandem gelang es, ihn zu korrigieren. Verfolgungswahn ist ein Leiden, das im Westen entstand. Als der Westen andere Gegenden zu kolonisieren begann, trat Verfolgungswahn (Paranoia) und Menschenhass auch in anderen Erdteilen auf, wo man höchstens (in Südostasien) Amok kannte, den Wutausbruch, der sich unterschiedslos auf Menschen der näheren Umgebung richtet. Man kann nur vermuten, warum Paranoia und das Gefühl, es geschehe einem persönlich Unrecht, aus dem Westen stammt.

Wir sind zu sehr auf unsere kostbare Person konzentriert, und die Gesellschaft erlegt uns Druck auf, wie eine geglückte Existenz auszusehen habe. Alles verengt sich und wird unerträglich. Aber was wissen wir schon vom anderen?

 

 

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