Cold Mountain

Nach unserem Teneriffa-Aufenthalt verbrachten wir noch (ist schon einen Monat her) einen Abend vor dem Fernseher: mit dem Film Cold Mountain von Anthony Minghella. Ich weiß, dass dessen Film The English Patient vermutlich Giovannas Lieblingsfilm ist, und Minghella ist/war einfach ein vortrefflicher Regisseur.

Sein Vater stammte aus einem Kaff zwischen Frosinone und Isernia im Latium, oben in den Bergen. Daher der italienische Familienname. Geboren wurde er 1954. Der englische Patient kam 1996 heraus, Der talentierte Mr Ripley 1999 und Unterwegs nach Cold Mountain 2003. Als Minghella im März 2008 nach einer Operation starb, wählte eine englische Zeitung als Überschrift Truly Madly Mourned (wirklich verrückt betrauert).

Das war eine Anspielung auf seinen ersten erfolgreichen Film Truly, Madly, Deeply von 1990, in dem eine Frau (Nina) bei einem Unglück ihren Partner (Jamie) verliert und lange trauert, bis dieser als Geist zurückkommt, sich aber derart unverschämt aufführt und sogar unverschämte Geisterfreunde mitbringt, bis die Frau froh ist, als diese verschwinden und sie mit einem soliden Psychologen eine Partnerschaft eingehen kann … Und anscheinend begreift der Zuschauer am Ende des Films, dass Jamie absichtlich so egoistisch auftrat, um seiner »Ex« den Abschied leichter zu machen.

Dann The English Patient nach einem Roman von Michael Ondaatje, mit Ralph Fiennes, Kristin Scott-Thomas, Juliette Binoche und Willem Dafoe (und Naveen Andrews als Kip und Colin Firth als Clifton; und Jürgen Prochnow als Leutnant Müller). Schon wenn man daran denkt, wird man schwermütig. So ein wunderbarer Film. Die Szene in der Höhle, als Almásy Katharine Clifton zurücklässt und verspricht, wiederzukommen, wissend, dass es ein Abschied auf immer ist …

Ein Jahr soll der Cutter Walter Murch mit dem Filmmaterial gearbeitet haben, um die Endfassung zu schneiden. Man hat den Film gedreht und kann es kaum abwarten, und dann muss man noch ein Jahr warten, bis er entstanden ist, denn der Film entsteht beim Schnitt, durch die Komposition gemeinsam mit dem Regisseur (manchmal zerstört ein Produzent durch Herumschneiden einen Film, dann bleibt nur der ,Director’s Cut), und das ist die Kunst, wie Pasolini immer betont hat. Das Filmmaterial wird so angeordnet, dass ein Werk herauskommt. Die Arbeit des Cutters und der Cutterin wird immer noch nicht genug gewürdigt,

Wenn der Patient so groß ist wie Casablanca, so gehört Cold Mountain als episches Kriegsdrama über den Südstaatenkonflikt in eine Reihe mit Heaven’s Gate und Apocalypse Now, mit Barry Lyndon, Pat Garrett jagt Billy the Kid und Doktor Schiwago (den nehmen wir außer Konkurrenz hinzu). Auch hier eine geglückte Wahl des Paars (Jude Law/Nicole Kidman), und die Geschichte ist wieder lang (3 Stunden), es ist eine epische Reise, bis der Soldat durch Schnee und Hitze zu seiner Geliebten zurückkehrt, und etwas Zeit ist ihnen gegönnt … Die dramatische Schluss-Szene spielt sich hier in einer engen Schlucht ab.

Die Schlacht von Milleker’s Bend 1863, gez. von C. E. F. Hillen (Library of Congress, Wash. D. C.)

Da werden die Gräuel des Krieges nicht versteckt, die sadistische »Heimwehr« treibt ihr Unwesen, und wir sehen, wie ihre Kugeln Unschuldige durchlöchern wie die Kugeln der Viehzüchter in Heaven’s Gate die armen polnischen Auswanderer. Dennoch ist es ein Film mit exquisiter Kameraführung und außergewöhnlichen Perspektiven: Minghella filmte gern von oben und zeigte liegende Körper wie abstrakte Kunstwerke.

In einer Szene sieht Ava (Nicole Kidman) im Spiegel eines Brunnen, der als Orakel gilt, ihn zu ihr zurückkommen, sehr schön, Minghella hatte etwas für Geister und das Okkulte übrig, und zuletzt drehte er sogar einen Krimi, der in Botswana spielt, mit afrikanischen Darstellern.

Es gibt im Netz Auszüge aus einem Buch von Angela Baldassarre (The Great Dictators), die italienischstämmige Filmemacher interviewt hat. Bei Minghella treten drei Aspekte hervor: Dass er vom Buch über den Patienten begeistert war und die Probleme, es zu verfilmen, ihn geradezu anzogen; dass er, wie er sagte, an Liebe nicht besonders interessiert sei (obwohl man meinen könnte, sagt Frau Baldassarre, er sei ein hoffnungsloser Romantiker, der der perfekten Liebe nachjage), sondern an der Begegnung von Individuen in ihrer Eigenschaft als Mitglieder gesellschaftlicher Gruppen; und dass, leider Gottes, so viel verlorengehe bei der Adaption, dass man sich von so vielem trennen müsse, aber der Autor Michael Ondaatje habe diese Streichungen mitgetragen.

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