Mein verborgenes Auge

manipogo hat nun exakt 100 Abonnenten, wenn »Feeds« das bedeutet. Frohlocken! Nun aber ist nichts vorbereitet! Ich muss also bloggen, wenn bloggen heißt: drauflos schreiben. Am besten eine Plauderei über eine Veranstaltung, die ich soeben besucht habe: die Vernissage von Kunst auf der Liegewiese im Freiburger Fauler-Bad.

Vor 30 Jahren schickte man mich bei der Badischen Zeitung zuweilen zu kleineren Vernissagen, wie man es mit jungen Praktikanten tut, die dann auch schnell begreifen, was von ihnen verlangt wird, und wenn sie schnell im Begreifen sind, schreiben sie einen Artikel voller Pathos, denn Kunst ist wichtig, und mit dem passenden Foto (Künstler, lächelnd, neben Werk) kann sich das schon sehen lassen. Die Kollegen nicken (Aus dem wird noch was), der Künstler ist beglückt.

Nun ward von mir nichts verlangt, und ich stand auf der hübsch ausgestatteten Liegewiese, mein Blick fiel auf ein fernes Steinmännlen auf einer Böschung, und ich sagte: »Nett«. Ein anwesender Künstler kommentierte, dass Künstler dieses Adjektiv nicht gern hörten. Sie hörten auch nicht gern »Das könnte ich auch«, jedoch ebenso ungern »Das könnte ich nicht«. Welches Adjektiv nun angebracht sei, das konnten wir nur andiskutieren.

Das Steinmännlein rechts fand ich "nett"

 

Zwei Tage vorher hatte meine »Ex« über Arbeiten eines Laufener Bauernmalers, über den ich eine Vernissage am Freitag besucht hatte, gesagt, Arbeiten von ihm hingen auch bei ihrer Friseurin, und die seien »witzig“. Natürlich sind nett und witzig für Werke Adjektive, die deren Schöpfer in eine tagelange Depression stürzen könnten. Denn wie alle mit Herzblut arbeitenden Künstler hofft er/sie, dass einer vor ihrem Werk niedersänke, die Hände vors Gesicht schlüge und schluchzte: »O Gott!« Wir wollten alle einmal Erleuchtung in die Welt bringen und waren nicht zufrieden damit, die Welt nur verschönert zu haben.  

Kunst wirkt auf den Einzelnen. Natürlich wird immer versucht, die Werke zu »erklären«, und alle hören zu in der Hoffnung, einen Schlüssel zu deren Verständnis an die Hand zu bekommen. Doch letztlich geht es um die Begegnung von einem hoffungslos verschütteten Unterbewusstsein (des Betrachters) mit einem sich als unbewusst gebenden Bewusstsein (des Künstlers). Die Surrealisten waren begeistert von den Arbeiten der verrückten Künstler in der Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg, aber sie begriffen, dass sie verrückt sein müssten, um so etwas zu schaffen, und das wollten (und konnten) sie dann doch nicht. (Bild: eine Installation von Jörg Siegle.)  

Man besucht tausend Ausstellungen in tausend Museen, und: nichts. Dass einen ein Kunstwerk berührt oder lebenslang verfolgt, geschieht so selten wie eine Erleuchtung nach jahrelanger Meditation. So ist das eben. Wir können aber Kunstwerke interpretieren, sie sozusagen selbst mit Inhalt füllen, doch dazu wird ein gewisses Rüstzeug verlangt. Man muss über ein Instrumentarium kultureller Zeichen verfügen, Assoziationen herstellen und in die Tiefe denken, dann kommt etwas heraus.  

Nehmen wir einmal die kleine Installation von Rolf Hannes, den ich ja gut kenne. (Mein Foto ist leider so unscharf, dass es unbrauchbar ist.) Rolf hat in einer Umkleidekabine des Fauler-Bads in Kopfhöhe auf einem Kästchen ein Auge (einer Puppe) angebracht, das einen anschaut. Unheimlich. Ich dachte an die US-Serie Twilight Zone, in der am Beginn Augen über die Leinwand purzeln, zu nervtötender Musik. Da ging es um paranormale Erlebnisse. Das Auge steht in der Mythologie für Bewusstheit; manche Götter werden mit vielen Augen abgebildet und der christliche Gott nur mit einem.

 

Aber das Auge hängt ja in der Umkleidekammer, ist also womöglich das Auge des Unterbewussten, das mehr weiß als das Auge des Bewussten, aber gerne im verborgenen bleibt. Es sieht vieles, aber dann klappt die Kammer wieder zu. Der Begriff private eye für den Privatdetektiv kommt einem in den Sinn, der verdeckt operiert, untreuen Ehemännern und Millionärstöchterlein nachspäht. In Umkleidekammern oder Spinden weden immer Fotos von nackten Mädels aufgehängt, auf Latrinenwände schreibt man zotige Sätze, das ist der Platz für das Unterbewusstsein.  

Aber vielleicht fiel mir das nur ein, weil ich am selben Tag das Buch Antwort auf Hiob des Schweizer Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung (1875–1961) zu Ende gelesen hatte, des Experten für das Unterbewusstsein. Er hat es 1952 geschrieben und auch einen Seitenhieb auf die Kunst angebracht. Nachdem die sündige Stadt Babylon, die »Hure Babylon« zerstört wurde, ruft Johannes in seiner Apokalypse ihr nach: »Kein Künstler in irgend einer Kunst wird mehr in dir gefunden werden.« 

Dazu Jungs Kommentar: Man könne nicht umhin, »des Verhängnisses, das unsere moderne Kunst erreicht hat, zu gedenken«. Das ist hart formuliert, und man könnte es als das Verdikt eines alternden weltfernen Konservativen abtun. Da trauert einer über Verluste. Aber Kunst ist heute eben gegenständlich, wie diese Welt es ist; sie ist abstrakt, »wie die Beziehungen der Menschen zueinander abstrakt geworden sind« (Adorno); sie ist neutral und unpersönlich, was es dem Betrachter schwer macht, einen persönlichen Bezug herzustellen. Es ist die Kunst dieser Welt. Aber irgendwo ist er, der göttliche Funke; irgendwo muss es sein, das Kunstwerk, das in mir zündet.   
    

 

      

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