Abstieg in den Hades

Ein guter Spruch fiel mir ein: Ich fühlte mich schon zweitklassig, kurz bevor der SC Freiburg abstieg. Dazu sollte ich ein paar Worte sagen, denn der SC bedeutete manipogo etwas. Ich habe jedoch die Chance, mich schon bald wieder erstklassig zu fühlen, während der SC ein Jahr abtauchen muss, mindestens.

Als ich 2009 nach zehn Jahren in Italien und der Schweiz wieder in mein Markgräfler Dorf zog (wo mir die Wohnung gehört, es war irgendwie logisch), war der SC Freiburg nach vier Jahren in der zweiten Fußball-Bundesliga gerade in die oberste Klasse aufgestiegen. Jetzt, nach sechs Jahren (wie ich aufm Dorf), geht’s wieder nach unten. Weg. (Ich sollte auch meine Sachen packen. In dem Dorf gibt’s ja nicht mal eine Bar. manipogo wird weitergeführt.)

Kneipe in Berlin. Oder in Tübingen?

Als ich meine Beiträge betrachtete, in denen der SC Freiburg vorkam, sah ich: Vor über einem Jahr, im März 2014, hatte das Team viele Schicksalsspiele. Damals schon kämpfte es gegen den Abstieg. Damals … das vergangene Jahr kommt einem schon wie Steinzeit vor. So sieht man, wie die Vergangenheit enbtschwindet und wir in einem ewigen Jetzt verharren, das aber nicht der ewige Moment des Buddhisten ist, sondern ein von Medien erzeugter Trance-Zustand. Die ganze Gesellschaft begnügt sich mit dem Kurzzeitgedächtnis, der Konsument soll bloß dem nächsten Event entgegenhecheln.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung interviewte kürzlich Präsident Fritz Keller, dessen Vater schon im Verein aktiv war und, wie man sagt, Finke nicht mehr haben wollte. Volker Finke hatte den Verein 16 Jahre trainiert, von 1991 bis 2006, ein Rekord im bezahlten deutschen Fußball. Seit zwei Jahren trainiert er Kamerun. Christian Streich bleibt auch weiter Trainer, man macht gute Nachwuchsarbeit, aber was hilft’s: Man ist nicht mehr erstklassig. Sehr viel Pech war dabei, aber wenn man fünf oder sechs Mal in den letzten Minuten einen Treffer kassiert, war’s vielleicht auch Aufgeregtheit oder Unkonzentriertheit.

Keller deutete an, die Mannschaft sei womöglich zu brav gewesen, und es sei in ihr zu harmonisch zugegangen. Fußball ist ein Kampfsport. Kann sein. Die Mannschaft muss brennen können. Doch das ist das Karma (oder der Fluch) Freiburgs. Wenn man den Namen erwähnt, seufzen alle verzückt: »So eine schöne Stadt.« Dann fügen sie an: »Und das Essen! Der Schwarzwald!« Ein Viertele schlotzen (gemütlich trinken), den lieben Gott einen guten Mann sein lassen … symbadisch eben, auch wenn das die Tourismuswerbung erfunden hat. Klein und sympathisch.

»Warum bleiben wir in der Provinz?« fragte sich Philosoph Martin Heidegger und nannte einen Aufsatz so, veröffentlicht genau 1933, als er, in jenem Jahr Anhänger der Nationalsozialisten, Rektor der Universität geworden war. Da stellt er die Ehrlichkeit und Treue des bäuerlichen Landes dem Tempo und der Unredlichkeit und Verschlagenheit der Stadtbewohner gegenüber, ein altes Motiv, und als Kontrast müsste man nur an die frühere Bigotterie und die Gnadenlosigkeit der Landbevölkerung Außenseitern gegenüber denken.

Ach egal, schade trotzdem, schön war’s, das Badnerlied singen und mit dem Rad von Stadion heim. Ohne Lena Odenthal interessiert mich der Tatort nicht mehr, die ARD-Sportschau fällt weg, und interessiert sonst noch etwas?

Hier die früheren Beiträge zum SC:
Öffentliches Training, Abpfiff?, Commerzbank-Arena, 17:30.

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