Phantom-Anhalterinnen

Die Geschichte der Phantom-Anhalterinnen hat mich immer fasziniert. Das Motiv gehört zu den weißen Frauen, die auf Schlössern spuken, und mir scheint, seine Zeit ist vorbei (wie auch die Zeit des Autostop). Viele reizvolle Phänomene geraten so in Vergessenheit. Sie haben keine Chance mehr, sich zu zeigen. Die Angst fehlt.

In einem 30 Jahre alten Buch aus Frankreich (Caen 1986), das einen Ethnologen-Kongress über seltsame Begebenheiten aus der Normandie und der Bretagne zum Thema hat, fand ich Beispiele. Sie sind meist aus den 1970er und 1980er Jahren. Immer sind die Anhalter Frauen.

Ein typischer Fall: Zwei Journalisten fahren in ihrem Kleinwagen durch Alenςon, und mitten im Land steht da eine etwa 35-jährige Frau und möchte mitgenommen werden. Ein Journalist steigt aus und lässt sie auf dem Rücksitz Platz nehmen. Vor der Kreuzung Quatre-Routes warnt die Frau, sie sollten ihre Geschwindigkeit drosseln, und sie hätte da einen Unfall gehabt, von dem sie sich nur mühevoll erholt hätte. Später dreht sich der Beifahrer um – doch die Frau ist verschwunden.

Die Journalisten suchen die nächstgelegene Polizeistation auf. Sie seien nicht die ersten, die einen derartigen Fall melden, erfahren sie. Bei der Frau handle es sich um ein Verkehrsopfer, das sieben Jahre zuvor an dieser Kreuzung ums Leben gekommen sei. Womöglich war die Frau ein erdgebundener Geist, der nicht begriffen hat (die Worte der Frau deuten darauf hin), dass er sein Leben verlor.

Ein 50-jähriger Mann nimmt im strömenden Regen eine Anhalterin mit, die sagt, sie lebe bei ihrer Mutter. Der Mann fährt sie hin und gibt ihr seinen Regenmantel leihweise mit. Da sie nicht zurückkehrt und nicht mehr zu sehen ist, spricht der Mann später bei der Adresse vor und beschreibt der alten Dame die Frau, und er hört, es sei ihre Tochter gewesen, vor einigen Jahren an der nächsten Kreuzung gestorben.

Bei einer Konferenz sagte Jacques Pradel, ein Fachmann, diese Erlebnisse seien Ausdruck eines unbewussten Wunsches nach der Begegnung mit dem Unbekannten. Die Erwartung werde so stark, dass das Unbekannte nicht anders könne, als sich zu manifestieren, sich zu materialisieren. Die Ufo-Sichtungen etwa seien Ausdruck technologischer Angst, die die religiöse Angst abgelöst habe.

Die Zeugen seien oft rationale Menschen, mit beiden Beinen auf der Erde stehend: genau die, die sich für unempfänglich gegenüber tieferliegenden Ängsten halten. Manchmal überschreiten sie dann die verzauberte Grenze und werden zu Propheten und Missionaren des Übernatürlichen.

Franzosen, das fiel mir immer auf, haben ihren eigenen Zugang zu den Phänomenen: ethnographisch und tiefenpsyhologisch, auch technokratisch; so wie sie eben sind, unsere Nachbarn. Und was ist mit unseren Phänomenen? Anfang 2009 gab es noch Sichtungen einer weißen Frau, aber sie sind selten geworden.

Heute hat keiner mehr Angst vor dem Unbekannten oder dem Übernatürlichen, man hat stattdessen vor tausenderlei anderen Dingen Angst, die aber nichtsdestotrotz, wie Psi-Phänomene, sich manifestieren können, vom Unbewussten und/oder der Vorstellungskraft herbeigezaubert und hingestellt.

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