Furcht vor dem Tod

Der soeben vorgestellte Elias-Aufsatz ergänzt sich gut durch eine 15 Seiten lange Betrachtung desselben Autors, die 1990 erschienen ist (Norbert Elias starb am 1. August 1990 in Amsterdam, 93 Jahre alt, also heute vor 25 Jahren.). Sie heißt Die Furcht vor dem Tod.

Eines ist klar: »Die Furcht vor der Auslöschung der eigenen Person ist wohl einer der Hauptbestandteile der Furcht vor dem Tod.« Allerdings sagte schon Lukrez, ein römischer Autor, dass der Tod uns nichts angeht, da wir ihn ja nicht mitkriegen; wir sind weg, Fall erledigt. Der Tod gehört nicht zu unserer Welt. Damals und bis zum Jahr 200 etwa herrschte wenig Todesfurcht, was sich 300 Jahre später wieder geändert hatte. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Gewissensbildung und Gesellschaftsstruktur.

Die Zertrümmerung der Zeit. Ölbild von Rolf Hannes

Zudem hängt die Todesfurcht von einer allgemeinen Einstellung zu uns selbst ab, zu unserer Animalität. Einerseits sind wir Säugetiere, andererseits wissen wir um den Tod, wir begraben unsere Toten, wir können Wissen weitergeben und haben uns als behrrschende Spezies auf dieser Erde etabliert und diese umgestaltet. Aber dann: begrenzte Lebenszeit. Aussicht auf ein Ende, was ein Ende jedes Sinnes ist. Norbert Elias behauptet, diese Enttäuschung könnten wir nur verwinden, wenn wir den neuen Sinn erkennen könnten.

»Wir schenken, wenn ich es so sagen darf, der Wichtigkeit unserer Existenz zuviel Aufmerksamkeit, wir überbewerten sie.« Er erinnert daran, dass wir von anderen abhängen und mit ihnen zusammenleben. Wir könnten Sinn zusammen mit den Menschen unseres innersten Kreises finden, könnten aber fortschreiten zur Menschheit, denn: »In unserer Zeit ist, vielleicht zum ersten Mal, die Menschheit nicht nur ein leeres Wort, sondern eine soziale Realität geworden. … So leben wir in der Tat in einer Welt, in der das Netzwerk der Interdependenzen sich im Raum über die ganze Welt ausgebreitet hat.« (Geschrieben, noch bevor das Internet seine volle Wirksamkeit entfaltete.)

Elias kommt zu dem Ergebnis: »Nach meinem Empfinden hängt die Frage, ob unser persönliches Leben einen Sinn hat, weitgehend davon ab, dass die Kette zwischen den Generationen so weit wiederhergestellt wird, dass die Generatinen einander als Gleiche gegenübertreten …« Die Botschaft, mit der er schließen wolle, sei »die Botschaft, dass wir mehr für unsere eigene Erfüllung in dieser Welt tun könnten, wenn wir der Kontinuität zwischen den Generationen gewiss sein könnten. Kontinuität auf allen Ebenen, auf der Ebene der Familie, auf der Ebene der Nation, auf der Ebene Europas und vor allem auf der Ebene der Menschheit.«

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