Die Tür in der Wand (1)

Wie kam ich nur auf die Kurzgeschichte The Door in the Wall? Sie ist von H. G. Wells, der auch Die Zeitmaschine und Der Krieg der Welten geschrieben hat, außerdem 60 andere Romane. Die Tür in der Wand gibt’s online, im Literature Network, und in 20 Minuten hat man sie gelesen. Sie öffnete mir eine Tür!

So eine Tür, die in eine andere Dimension führt, braucht man. Literatur ist so eine Tür. (Sollten wir sie nicht Literatür nennen?) Jedenfalls erwähnte Victor Zammit in seinem freitäglichen Newsletter das neue Buch Biocentrism von Robert Lanza und lobte es stark. Darin wird der Gedanke vertreten, dass, da Bewusstsein überall hinkönne, es den Tod vielleicht gar nicht gäbe: Man fände sich vielleicht, kaum verändert, in einem Paralleluniversum wieder, und diese Universen müsse es geben, wie schon die Quantenphysik behaupte. In diesem Zusammenhang war The Door in the Wall genannt als früher (1897) literarischer Vorläufer dieser Idee.

Man müsste das Buch lesen. So grob verkürzt kann man nicht viel damit anfangen. Inwiefern wären diese Paralleluniversen objektiv? (Vielleicht so objektiv wie das unsere, das durch unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein objektiv erscheint.) Anthony Peake meinte ja, kurz vor dem Versagen des Körpers würde das Bewusstsein in ein anderes Universum hinüberspringen, und man erlebe den Tod nicht wirklich, auch wenn es wehtun kann wegen »der unvergleichlichen Schmerzen des geheimnisvollen geistigen Manövers, das nötig ist, von einem Zustand des Seins in einen anderen zu gelangen« (Vladimir Nabokov, Unsichtbare Dinge).

Murnauer Moos. Bild: Helmut Krämer

Robert Monroe erzählte von außerkörperlichen Reisen, die ihn zuweilen in eine Welt führten, die leicht anders war als die, die er kannte. Vielleicht war es eine Welt in der Zukunft oder wirklich eine Parallelwelt, denn, wie Hugh Everett III. 1957 berechnete, spalte sich die Welt für jeden einzelnen immer dann, wenn er eine Entscheidung fällen müsse. Was man nicht tat, ist geisterhaft eine gewisse Zeit anwesend und erhält vielleicht ein Eigenleben. (Manchmal tut einem die Entscheidung leid oder es war so eine schwere Entscheidung, dass einem das, wofür man sich entschieden hat, vergällt ist. Manche Alternativen löschen sich gegenseitig aus.)

Parallelwelten kann es geben. Doch der Ausdruck kommt mir unpassend vor und wie eine Reverenz an die physikalisch denkenden Konsumenten. The Door in the Wall ist überhaupt nicht ein Vorläufer der Parallel-Idee, es ist einfach eine Geschichte über eine Tür zum Paradies. Warum sagt man nicht, dass es diese andere Welt (oder Dimension) gibt, in der die Verstorbenen landen? Das Problem von Einzahl/Mehrzahl ist allerdings nicht leicht zu lösen. Ist es ein Parallel-Universum oder sind es Millionen, etwa Milliarden?

Staffelsee. Bild: Helmut Krämer

In unserer Welt leben ja Milliarden Menschen in ihren Privatwelten. In der geistigen Welt, wie die Spiritualisten sie nennen, leben (sic!) alle Wesen in ihren je geistig geschaffenen Welten, die sich jedoch mit den Welten anderer überschneiden: alles wie bei uns. Die geistige Welt ist kein Raum, eher eine höhere Dimension, deren Ausdehnung nicht vorstellbar ist und die vielleicht unsichtbar auch durch den Raum reicht, in dem wir sitzen. Die Bewohner jedoch sind mit hoher Schwingungen unterwegs, wir sehen sie darum nicht. Sie warten sicher nicht hinter einer Tür, aber Literatu(e)r muss sich gängiger Bilder bedienen, um Gedanken zu transportieren. Die Tür also in der Wand, die grün ist, öffnet sich dann in zwei Tagen.

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